Festrede von Dr. Georg Antesberger, Siemens Vorstandsdirektor anlässlich der Sponsionsfeier am 7. Juli 2005 an der Technischen Universität Graz

Energieversorgung und Klimaschutz in einer globalisierten Wirtschaft – Unvereinbarkeit oder Herausforderung?

Hoch verehrtes Professorenkollegium, sehr geehrte Absolventen, meine Damen und Herren!

Es ist mir eine große Ehre, zu Ihrer Sponsionsfeier hier an der Erzherzog-Johann-Universität eine Rede halten zu dürfen.

Ich habe selbst 8 Jahre im Forschungszentrum Jülich in Deutschland als wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet und bin nun schon seit über 25 Jahren in der Industrie auf dem Gebiet der Energietechnik tätig. Für mich ist die Einladung zu dieser Feier eine gute Gelegenheit, meine Kontakte zur Universität und zur Forschung und Entwicklung aufrechtzuerhalten und zu vertiefen.

Ich möchte diesen Anlass aber auch dazu nutzen, Ihnen einige Gedanken zum Thema „Energieversorgung und Klimaschutz in der globalisierten Wirtschaft – Unvereinbarkeit oder Herausforderung?“ näher zu bringen, da ich glaube, dass Sie als Techniker, die Sie jetzt nach Ihrem Studium ins Berufsleben einsteigen, mit diesem Thema in der einen oder anderen Form in Berührung kommen werden.

Die Situation stellt sich aus heutiger Sicht folgendermaßen dar:

1. Energiebedarf
Die Internationale Energie Agentur (IEA) der OECD geht in Ihrem "World Energy Outlook" davon aus, dass sich bis 2020 der Weltenergiebedarf jährlich rascher erhöht als das prozentuelle Wachstum der Weltbevölkerung (knappe acht Milliarden im Jahr 2020, also etwa ein Drittel mehr als heute). Schneller als jeder andere Energiebedarf wird demnach der Stromverbrauch wachsen und zwar um etwa 2,4 Prozent jährlich. Dies stellt eine enorme Herausforderung an die Energieversorgung dar.
Im Jahr 2020 wird laut heutigen Prognosen je etwa ein Drittel der Stromproduktion aus den fossilen Energieträgern Erdgas und Kohle gedeckt. Der Rest der Stromproduktion wird zu etwa 5 Prozent aus Öl, etwa ein Zehntel aus Kernkraft, etwa 15 – 17 Prozent aus Wasser und etwa 3 – 4 Prozent aus anderen erneuerbaren Energieträgern erfolgen.
Nach aktuellen Schätzungen reichen zwar die fossilen Brennstoffreserven für die nächsten Jahrzehnte und die relativ homogen über die Erde verteilten Kohlevorkommen sogar noch einige Jahrhundert, auf Dauer können sie aber den Energieverbrauch nicht befriedigen.

2. Klimaschutz
Die EU 15 haben sich entsprechend dem Kyoto-Protokoll verpflichtet, bis 2012 die Treibhausgasemissionen gegenüber den Werten von 1990 um 8 Prozent zu verringern. Dies dürfte die Mehrheit der einzelnen Mitgliedstaaten laut einem von der Europäischen Umwelt Agentur (EEA) veröffentlichten Fortschrittsbericht auch erreichen, vorausgesetzt, sie setzen alle geplanten Programme und Maßnahmen um.
Österreich hat sich sogar verpflichtet, seine Treibhausgasemissionen gegenüber dem Stand von 1990 um 13 Prozent zu senken. Bei einem WK-Anteil von > 70 Prozent ist dies ein sehr ehrgeiziges Ziel, zu dessen Erreichung es noch großer Schritte bedarf, zumal das Reduktionsziel im ersten Verpflichtungszeitraum 2008 bis 2012 zwingend erfüllt werden muss, da sonst Sanktionen drohen.

3. Globalisierung
Die Weltwirtschaft wiederum steht vor einem weiteren Jahr überdurchschnittlichen Wachstums, getrieben in erster Linie durch die USA, China, die GUS Staaten und Mittel- und Osteuropa. Die wirtschaftliche „Globa-lisierung“ ist meiner Meinung nach eher eine Rumpfglobalisierung zwischen den 3 Regionen Europa, Nordamerika und Asien, deren technologischer und wirtschaftlicher Integrationsprozess intensiver und bedeutender ist als zwischen den weniger entwickelten Ländern.
Der Euroraum – und hier hauptsächlich Deutschland – fällt dagegen im internationalen Vergleich deutlich zurück. Während man in China und USA Wachstumsraten von 6 bis 8 Prozent sieht, ist das Wachstum in Deutschland unter 1 Prozent gesunken.

4. Resümee
Wie lassen sich also steigender Energiebedarf, Klimaschutz auf nationaler und internationaler Ebene in einer globalisierten Wirtschaft miteinander vereinbaren?
Wir leben in Bezug auf die Energiepolitik und den Klimaschutz in einem Spannungsfeld zwischen verschiedenen treibenden Kräften. Lösungen sind naturgemäß Kompromisslösungen.
Die zentrale Aufgabe und die Herausforderung von Politik und Unternehmen ist es aber, das nationale Klimaschutzziel so zu erfüllen, dass der Industriestandort Österreich und damit Arbeitsplätze und Wachstum erhalten bleiben. Und nur ein umweltverträgliches Wachstum ist nachhaltig.
In einer globalisierten Gesellschaft kommt dem Thema Standortwettbewerb zentrale Bedeutung zu. Um unsere Ziele, Wohlstand und Beschäftigung in einer nachhaltig positiven Umweltsituation zu erreichen, brauchen wir konkurrenzfähige Standorte in Europa. Konkurrenzfähigkeit bedeutet:
? Innovationskraft
? Technologievorsprung
? Management-Fähigkeit
? Gewinne, d.h. Kostennachteile, müssen durch einen geeigneten Kostenmix ausgeglichen werden (z.B. Siemens Österreich CEE)

Jeder Schritt, der die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes einschränkt, geht letztendlich zu Lasten des Wohlstandes in Österreich.

5. Anforderungen an Mitarbeiter der Energietechnik
Zum Schluss möchte ich Ihnen noch einige Überlegungen aus meiner Praxis mit auf Ihren Berufsweg geben.
Ich bin überzeugt davon, dass die hoch qualifizierte Ausbildung, die Sie hier an der TU Graz erhalten haben, eine der wichtigsten Grundlagen für Ihre zukünftigen Aufgaben sein wird. Aus meinen persönlichen Beziehungen zur TU Graz weiß ich auch, wie intensiv hier internationale Zusammenarbeit betrieben wird, die heute sowohl für Forschung und Entwicklung als auch für die Durchführung von Großprojekten unabdingbar ist. Ohne die Internationalisierung, ohne die Flexibilität und die Mobilität unseres Denkens und Handelns können wir in einer globalisierten Welt nicht bestehen. Nach erfolgreichem Abschluss Ihres Studiums an dieser Universität, meine Damen und Herren, sind Sie gut gerüstet.
Ich wünsche Ihnen für Ihren bevorstehenden Einstieg ins Berufsleben viel Erfolg und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.