Festrede von Herrn VDir. Dipl.-Ing. Dr. Hermann Egger anläßlich Sponsionsfeier Technische Universität Graz

Spektabilis, sehr verehrte Professoren und Assistenten, werte Diplomingenieure und Festgäste, sehr geehrte Damen und Herren!

Mir wurde die große Ehre zuteil, heute die Festrede anläßlich der Sponsion zu halten. Nach vielen Jahren des Lernens und der Ablegung zahlreicher Prüfungen ist für all jene, die in den vergangenen Tagen und Wochen die letzten Hürden des Studiums geschafft haben, die Sponsion zum Diplomingenieur der lange herbeigesehnte Abschluß Ihrer Fachausbildung auf der Universität.

Gestatten Sie mir einleitend ein paar persönliche Bemerkungen. Vor fast 25 Jahren habe ich, gemeinsam mit 30 Kollegen und Freunden, mein Studium abgeschlossen. Damals hieß dieser Festakt noch Graduierung. Ich erinnere mich noch sehr gut, mit welchem befreienden Gefühl ich damals hier saß, einerseits froh und stolz, den Abschluß der Ausbildung hinter mich gebracht zu haben und andererseits voll des Tatendranges, nun aktiv in das Berufsleben eintreten zu können. Sehr bald wurde mir aber, trotz eines erfolgreichen Berufseinstieges klar, daß die Studentenzeit in Graz unauslöschlich als eine meiner schönsten Lebensabschnitte in der Erinnerung verankert bleiben wird und so wird es wahrscheinlich auch Ihnen, liebe Jungakademiker, gehen.

Sehr geehrte Diplomingenieure, Sie haben Ihr Studium an einer Universität abgeschlossen, die im In- und Ausland einen hervorragenden Ruf genießt, der durch das erfolgreiche Wirken ihrer Absolventen in Wirtschaft, Lehre und Forschung begründet ist. Absolventen der Technischen Universität Graz werden wegen ihrer fundierten Ausbildung, besonders was die Grundlagen der Technik und Naturwissenschaften betrifft, sehr geschätzt und haben auch in zahlreichen Fällen höchste Positionen erklommen, oder man könnte auch sagen, Karriere gemacht.

Durch Ihr Studium an der Technischen Universität Graz haben Sie den Grundstein für eine erfolgreiche Berufslaufbahn gelegt, stete Weiterbildung ist aber die Grundvoraussetzung, um im Bereich der Technik erfolgreich wirken zu können und dieser ständig erforderliche Lernprozeß wird Sie auch Ihr ganzes Berufsleben begleiten. Die Innovationszyklen für neue Technologien werden immer kürzer und die Komplexität der technischen Strukturen wächst ständig. Damit ist für Sie ein immerfortwährender Weiterbildungszwang geradezu vorprogrammiert. Der Abschluß Ihres Studiums ist sicher eine Zäsur in Ihrer Berufsausbildung, die nächsten Schritte Ihrer Weiterbildung werden Sie selbst fließend den gestellten Anforderungen und den jeweils zur Verfügung stehenden Technologien anpassen müssen.

An dieser Stelle möchte ich nocheinmal kurz in den Erinnerungen an meine Studienzeit kramen. Alle meine Programme habe ich noch mit dem Rechenschieber gerechnet, Taschenrechner hat es schon vereinzelt gegeben, waren für einen Studenten aber nahezu unerschwinglich. Den Begriff PC, heute schon jedem Kind selbstverständlich, hat es noch nicht gegeben. Die Entwicklungen des in allen Bereichen einsetzenden Computereinsatzes waren nicht absehbar, die Möglichkeiten moderner Kommunikationstechnologien waren ebenfalls nur in Ansätzen erkennbar und zahlreiche weitere Beispiele für die Rasanz von Anwendungsmöglichkeiten neuer Produkte könnten noch angeführt werden. Daraus ist, wenn auch nur in einem kleinen Bereich, ersichtlich, welche enormen Entwicklungen und Veränderungen in den Bereichen der Technik und deren Umsetzung in nur zweieinhalb Jahrzehnten möglich sind und auch stattgefunden haben und diese Entwicklung wird sich in Zukunft, in immer kürzer werdenden Abständen, fortsetzen.

Sehr geehrte Damen und Herren, die Techniker werden heute für viele Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft mitverantwortlich gemacht. Gerade bei der Diskussion vieler Umweltprobleme ist heute oft ein gewisses Ausmaß an sogenannter "Technikfeindlichkeit' zu verspüren, die, zumindest subjektiv empfunden, weiter zunimmt. Für uns Techniker ist nahezu alles, was den Gesetzen der Naturwissenschaften und Technik gehorcht, verständlich und auch machbar. Die aufgrund des raschen Fortschrittes immer komplexer werdenden Strukturen und Zusammenhänge sind für uns Techniker noch durchschaubar, weil wir gelernt haben, komplizierte Systeme und Probleme zu analysieren und wo es erforderlich ist, auch Lösungen anzubieten. Dabei haben wir aber übersehen, daß viele Mitmenschen mangels entsprechender Ausbildung und aufgrund der Geschwindigkeit dieser Veränderungen nicht mehr in der Lage sind, den Entwicklungen zu folgen und sich an die neuen Verhältnisse anzupassen. Viele damit verbundene Maßnahmen erscheinen für sie unverständlich und die Gründe dafür oft auch schwer nachvollziehbar.

Dies gilt nicht nur für den Bereich der Technik, sondern auch für viele andere Wissensgebiete wie beispielsweise die Gentechnologie. Scheinbar Unverständliches erzeugt bei vielen Menschen Angst und aus dieser Angst folgt Ablehnung für zahlreiche Projekte, egal, ob es sich um Energiesysteme, Verkehrssysteme oder sonstige Eingriffe in unsere Umgebung handelt. Diese zunehmende Skepsis gegenüber allem, was mit "Technik" umschreibbar ist, birgt die Gefahr in sich, daß sinnvolle Entwicklungen zum Wohle der Gesellschaft erschwert, behindert oder im schlimmsten Fall sogar gänzlich abgelehnt werden.

Wir Techniker sind daher jetzt und in Zukunft in ganz besonderer Weise gefordert, Wege zu suchen und Instrumentarien zu entwickeln, daß unsere Leistungen in der öffentlichen Meinung wieder als ein positiver Beitrag für die Weiterentwicklung und das Wohlergehen unserer Gesellschaft gewertet werden. Es genügt heute einfach nicht mehr ein guter Techniker zu sein. Daß wir die Technik beherrschen, wird als selbstverständlich angenommen und vorausgesetzt. Von uns verlangt man heute, daß wir die Probleme, die an den Schnittstellen zwischen Technik und deren Einbindung in ihre Umgebung entstehen, erkennen und in unsere Lösungsansätze miteinbinden. Dieses vernetzte Denken, über unsere Wissensgebiete hinaus, muß uns einfach gelingen, dann werden die Techniker wieder jenen positiven Stellenwert in der Gesellschaft erreichen, der ihnen kraft ihrer Leistungen, die sie für diese erbringen, auch zusteht. In diesem Spannungsfeld zwischen "Segen und Fluch der Technik" werden viele Ihrer zukünftigen Aufgabenstellungen zu lösen sein. Nützen Sie die sich daraus ergebenden Chancen zur positiven Weiterentwicklung des Ansehens der Techniker in unserer fortschrittsorientierten Gesellschaft.

Absolventen der Fakultät für Elektrotechnik finden in der Wirtschaft, Wissenschaft und Lehre ein breites Betätigungsfeld, das durch zahlreiche Wissensgebiete und eine rasante Entwicklung, die in immer kürzeren Abständen neue Anwendungsbereiche erschließt und Produkte hervorbringt, gekennzeichnet ist. Dadurch wird auch jeder von Ihnen, im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen, in einer angemessenen Zeit einen der hochwertigen Ausbildung entsprechenden Arbeitsplatz finden. Sie gehören zu jenen Absolventen der Universitäten, für die nach wie vor auch entsprechender Bedarf gegeben ist.

Gerade in letzter Zeit mehren sich die Beiträge in den Medien, die auf einen zukünftigen Mangel von qualifizierten Technikern und die sich daraus ergebenden Folgen, wie beispielsweise Abwanderung oder Nichtansiedlung von Unternehmen der Hochtechnologiebranche, aufmerksam machen. Erst in dieser Woche hat die österreichische Industriellenvereinigung, das ist die Standesvertretung der Industrie, in einer Aussendung auf diese besorgniserregende Entwicklung hingewiesen. Im folgenden möchte ich Ihnen ein paar Schlagzeilen aus der Presse zu diesem Thema zitieren. "Österreichische Industrie verlangt nach mehr Generaltechnikern oder 20 bis 40 % der Betriebe beklagen Technikermangel oder Industrie fürchtet wachsenden Engpaß beim Nachwuchs oder Technikermangel hemmt die Betriebe und diese Liste ließe sich fortsetzen. Weiters wurde nachdrücklich darauf hingewiesen, daß "der Mangel an Technikern zum Engpaß der technologischen Entwicklung in unserem Lande zu werden droht."

Voraussetzung für einen raschen und den persönlichen Vorstellungen entsprechenden Einstieg in das Berufsleben ist aber eine hohe Flexibilität was den Ort ihres zukünftigen Arbeitsplatzes betrifft. An dieser Stelle richte ich den dringenden Appell an die zuständigen politischen Entscheidungsträger, jene Voraussetzungen zu erbringen, die die Schaffung von neuen und die Absicherung von bestehenden Arbeitsplätzen mit hohen Qualifikationserfordernissen begünstigen. In Österreich darf keine Abkopplung vom Fortschritt im Bereich der modernen Technologien stattfinden. Auch diese Forderung wird gerade in den letzten Tagen durch die Diskussion über eine wirkungsvolle Forschung in Österreich, auch was deren Dotation betrifft, eindrucksvoll unterstrichen. Dies ist auch besonders in Hinblick auf die zukünftige Entwicklung der Forschung auf universitärem Bereich von großer Bedeutung. Forschungs- und Ausbildungspolitik sind somit ganz wesentliche Faktoren für die zukünftige Konkurrenzfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Österreich. Es ist für die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung in unserem Land nicht unproblematisch, wenn unsere höchst qualifiziert ausgebildete Jugend in vermehrtem Ausmaß, aus beruflichen Gründen, Österreich auf Dauer verlassen muß.

Eine Stärke der Technischen Universität Graz war immer und ist auch heute noch die solide Grundlagenausbildung. Trotz der heute immer mehr geforderten und aufgrund der vielen Fachgebiete in der Elektrotechnik auch notwendigen Spezialisierung, sollte man aus meiner Sicht den bisher erfolgreichen Weg fortsetzen. Wer über ein fundiertes Wissen der Grundlagen der Naturwissenschaften und Technik verfügt, wird auch im Berufsleben keine besondere Mühe haben, sich schnell und effizient jenes Wissen anzueignen, das für die Bewältigung der jeweils gestellten Anforderungen erforderlich ist, dies umso mehr, je schneller sich die Innovationszyklen in der Entwicklung technischer Systeme gestalten. So sehr die Entwicklung im Bereich der Elektrotechnik heute hin in Richtung der modernen Informationstechnologien und der damit verbundenen technischen Umsetzungen geht, so wichtig ist es nach wie vor, daß auch zukünftig ausreichend hochqualifizierte Energietechniker der Wirtschaft zur Verfügung stehen. Auch dazu war erst vorgestern in den Medien zu lesen, daß trotz des Riesenbedarfes an Spezialisten in Informatik und Telekommunikation nach wie vor auch in den klassischen Ingenieursparten Elektrotechnik und Maschinenbau höchste Nachfrage herrscht.

Ein besonderes Problem der Ausbildung an den Technischen Universitäten in Österreich ist die im Vergleich zu ausländischen Universitäten im Durchschnitt zu lange Studiendauer. Um hier auch in Zukunft die Chancengleichheit zu wahren, wird man sich auf unseren Universitäten entschließen müssen, die Studienpläne so zu reformieren, daß es in Hinblick auf die Studiendauer zu einer Verkürzung der durchschnittlichen Studienzeit ohne Qualitätsverlust kommt. Auch dazu hat erst vorgestern die Industriellenvereinigung zum Thema des Technikermangels festgehalten: "Wir brauchen Alleskönner und das schnell"1, sicher eine etwas harte Formulierung, aber griffig und das Problem direkt ansprechend. Eine rasche Lösung dieses Problems erscheint auch deshalb dringend geboten, weil die Technischen Universitäten inzwischen auch in Österreich selbst Konkurrenz bekommen haben. Durch die Gründung von Fachhochschulen für praktisch alle Wissensgebiete, die auch auf den Technischen Universitäten abgedeckt werden, von denen einige den Betrieb bereits aufgenommen haben und an denen die Studienzeit etwa 8 bis 9 Semester, inklusive Diplomarbeit beträgt, wird zusätzlicher Druck auf die Technischen Universitäten kommen, Maßnahmen zur Verkürzung der durchschnittlichen Studienzeit einzuleiten, ohne dabei die wissenschaftlich betonte Ausbildung abzuwerten.

Zusätzlich zur Fachausbildung auf wissenschaftlicher Basis ist aber heute auch die Beherrschung mindestens einer Fremdsprache, als Techniker vornehmlich Englisch, Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Berufskarriere. Hochtechnologie und Forschung außerhalb der Universitäten ist heute aufgrund des enormen finanziellen Einsatzes vorwiegend internationalen Konzernen vorbehalten. Daher wird man sich auch auf den Technischen Universitäten vermehrt um eine effiziente Fremdsprachenausbildung bemühen müssen. Auch in diesem Bereich haben die Fachhochschulen bereits reagiert und schreiben beispielsweise die Abhaltung eines Teils der Lehrveranstaltungen und auch Prüfungen in einer Fremdsprache verpflichtend vor.

Sehr geehrte (Damen und) Herren, nach mehreren Jahren Studium und in vielen Fällen auch zwischenzeitlich erworbener Praxis, werden Sie nun die Universität mit einer hochwertigen Ausbildung verlassen. Ab jetzt wird es vorwiegend Ihnen überlassen sein, rechtzeitig auf neue Entwicklungen in Ihrem Fachbereich zu reagieren und sich die dafür erforderlichen Kenntnisse und Qualifikationen anzueignen, um auf Dauer erfolgreich in Ihrem Beruf bestehen zu können. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, haben Sie auf dieser Universität das notwendige Rüstzeug erworben.

Abschließend erlaube ich mir, in Ihrem Namen und auch im Namen der Wirtschaft den Dank an alle auszusprechen, die Ihnen auf dieser Universität die Basis für ein erfolgreiches Berufsleben geschaffen haben. Dank gebührt aber auch jenen, die Ihnen dieses Studium ermöglicht haben. Sie als Absolventen der Technischen Universität Graz werden sich sicher an diesen Tag, den Tag Ihrer Sponsion, immer wieder mit Freude erinnern. Ich wünsche Ihnen ein erfolgreiches Berufsleben und all jenen, die sich entschlossen haben, eine weitere Ausbildung anzuschließen, ebenfalls viel Erfolg und bleiben Sie auch in Zukunft Ihrer Technischen Universität in Graz verbunden.