Festrede von KR Baurat h.c. Dipl.-Ing. Dr. Günter Fürnsinn anläßlich der Sponsionsfeier an der Technischen Universität Graz

Für Sie meine sehr geehrter Damen und Herren die Sie heute Ihrer Sponsion entgegen-harren, ist dies zweifellos ein bedeutender, vielleicht sogar ein großer Tag, der nach dem erfolgreich abgeschlossenen Studium einen Lebensabschnitt markiert und der daher auch eine entsprechend feierliche Würdigung erfahren soll.

Zunächst einmal darf ich Ihnen zu diesem Erfolg sehr herzlich gratulieren. Ich war ja selbst einmal in Ihrer Situation und ich weiß daher - auch nach 41 Jahren dazwischen liegender beruflicher Erfahrung - um den besonderen Wert dieses Lebensabschnittes und um die Bedeutung dieses Tages für Sie persönlich, an dem Sie nun als Bestätigung Ihres mehrjährigen Studiums mit dem entsprechenden akademischen Grad ausgezeichnet werden sollen.

Speziell gilt dies gerade in unserer Zeit, in welcher viel von Wissen, seiner laufenden Aktualisierung, vom lebensbegleitenden Lernen gesprochen wird und nicht zuletzt zeigt die große Zahl an Angeboten postgradualer Ausbildungslehrgänge, welch hohen Wert man dem Wissen und der Wissensvertiefung beimißt.

Wir sprechen von Wissensdatenbanken, vom Wissensmanagement, von Lernunter-nehmen, ja von der Wissensgesellschaft. Eine zeitgeistige Modeerscheinung?

Meine Erfahrungen aus knapp 4 Jahrzehnten im industriellen Management machen es mir - bei allem Respekt vor fundiert erworbenem Wissen - tatsächlich schwer, die Funktions-tüchtigkeit eines Unternehmens oder einer ganzen Gesellschaft auf die Anwendung von bloßem Faktenwissen zu reduzieren. Gestatten Sie mir daher bitte einige persönliche Bemerkungen zu dieser heute von manchen Unternehmensberatern recht vehement vorgetragenen Überzeugung Wissen weitestgehend objektivierbar machen zu können:

  1. Wissensmanagement kann das Denken nicht ersetzen. Ich meine das spezifische persönliche Evaluieren von Wissensfakten, das für jede Entscheidungsfindung (und damit beispielsweise für jedes aktive unternehmerische Handeln) unerläßlich ist.
  2. Forderungen an die Wissensweitergabe können vielfach nur sehr bedingt erfüllt werden, denn das eigentliche Expertenwissen läßt sich nur sehr schwierig, wenn überhaupt, erfassen.
  3. Eine völlige Offenlegung von Wissen ist, schon aus Gründen der Expertenidentität, weder möglich noch in vielen Fällen wünschenswert - denken wir nur beispiels-weise an das spezifische Technologiewissen vieler Unternehmen.

So kann auch ein noch so gekonntes Benchmarking nicht die Analyse der speziellen Möglichkeiten eines Unternehmens ersetzen, denn gerade darin kann der eigentliche Vorzug , die besondere Einmaligkeit dieses Unternehmens bei seinem Auftreten im Markt liegen. Noch einmal: Ich habe selbst studiert und war auch 4 Jahre als Universitätsassistent tätig, weiß also den Wert möglichst selbständig erworbenen Wissens zu schätzen.

Aber lassen Sie sich nicht täuschen: Um erfolgreich sein zu können bedarf es sicher nicht nur der Verfügbarkeit von Wissen sondern vielmehr muß hinzukommen eine Verbindung von Aufmerksamkeit u. Agilität und genauso Tugenden wie Eigenwilligkeit und Beständigkeit, jedenfalls die ganz spezifische Ausprägung der hinter diesem Wissen stehenden Persönlichkeit.

Mit einem Wort: Nicht das Wissen allein einer Person (selbstverständlich in möglichst weitreichender Objektivierung) ist gefragt, es geht immer um die Wissensumsetzung im konkreten Einzelfall durch die kompetente, wissensvermittelnde Persönlichkeit.

Von einer Führungspersönlichkeit erwartet man selbstverständlich die Verfügbarkeit des erforderlichen Fachwissens (dessen laufende Erneuerung im Sinne des lebens-begleitenden Lernens vorausgesetzt wird), vor allem aber auch die zeitgerechte und gerade in Zweifelsfällen (um welche es sich im Regelfall handelt) intuitiv richtig getroffene Entscheidung.

Selbstverständlich sollte man objektiv gültiges Wissen auf Datenbanken verfügbar machen, Voraussetzung für dessen erfolgreiche Nutzung im konkreten Einzelfall bleibt aber die Umsetzung durch die wissensvermittelnde Persönlichkeit, welche mit aufgabenbezogener Ideenoffenheit, Umsicht und Verantwortlichkeit ans Werk geht. Ein oft unüberschaubares, immer komplexer werdendes Wissen verlangt dies um so mehr, damit nicht Fehlinformationen und Scheinwissen entstehen.

Ausgangspunkt war der Versuch Wissen objektivierbar und damit unabhängig vom Wissensvermittler verfügbar zu machen. Wir stellen fest, dass das bestenfalls nur sehr eingeschränkt möglich ist und auch keine erfolgreiche Umsetzung von Wissensinhalten in Aussicht stellt.

Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, haben sich in den vergangenen Jahren umfangreiches Wissen angeeignet und ich wünsche Ihnen, daß Sie dieses im Laufe Ihrer beruflichen Tätigkeit erfolgreich werden einsetzen können. Dies wird Ihnen aber nur dann gelingen, wenn Sie mit Ihrer ganzen Persönlichkeit voll bewußt hinter diesem Wissen stehen, wenn Sie als Experte kompetent und verantwortungsvoll und offen für neue Ideen und Gesichtspunkte im jeweils konkreten Fall Ihr Wissen zum Einsatz bringen werden.

Wir alle werden uns um unsere Bewußtseinsbildung - noch mehr als um unsere Wissensbildung - nicht herumschwindeln können. Die Glaubwürdigkeit Ihrer Person wird die zentrale Voraussetzung für Ihr erfolgreiches Wirken in der Zukunft darstellen, auch was beispielsweise die Integration und Motivation von Mitarbeitern anbelangt.

Vielleicht sollten wir statt von Wissensgesellschaft besser von Bewußtseinsgesellschaft sprechen, das unser Selbstverständnis im gesellschaftlichen Kontext wohl zutreffender zum Ausdruck bringt. Gerade im Zeitalter einer immer weiterreichenden digitalen Informations- und Wissensaufbereitung wird unsere Persönlichkeit und damit unsere Bewußtseinsentwicklung zur immer entscheidenderen Voraussetzung, um mit diesen Informationen und mit diesem Wissen erfolgreich und nutzbringend umgehen zu können. Eine mühsame Aussicht vielleicht, aber wie ich Ihnen versichern kann eine durchaus lohnende.