Festrede von Dir. Dipl.-Ing. Gerhard Geisswinkler, Direktor der Niederlassung Graz der Siemens AG Österreich anlässlich der Sponsionsfeier am 23.10. 2003 an der Technischen Universität Graz

Magnifizenz,
Spektabilis,
werte Professoren, sehr geehrte Festgäste, junge Damen und Herren Diplomingenieure!

Für mich ist es Auszeichnung, Ehre und Freude zugleich, wenn ich hier und heute in der Aula der Technischen Universität Graz in diesem festlichen Rahmen einige Gedanken zum Abschluss Ihres Studiums ansprechen darf.

Herzlichen Dank für die Einladung. Diese gibt mir zum einen die Möglichkeit, mich an meine eigene rund 25 Jahre zurückliegende Sponsion zu erinnern. Ein Rückblick, der für uns alle, aber vor allem für Sie in Ihrer Jugend nur mit Staunen verbunden sein kann. Damals gab es noch keine PC`s, keine Handy`s, kein Internet. Zum Ende meines Studiums schrieb ich ein kleines Programm in FORTRAN, welches mittels Lochkarten - Sie wissen noch was das ist? – im Rechenzentrum in der Steyrergasse eingelesen wurde.

Zum anderen danke ich für die Gelegenheit als Manager vor Ihnen zu stehen, eines Unternehmens, welches vor mehr als 150 Jahren gegründet mehrfach Pionierleistungen auf dem Gebiet der Elektrotechnik und Elektronik erbracht hat. Das Unternehmen hat den Fortschritt auf diesem Gebiet damit maßgeblich mitbestimmt, als Trendsetter, Innovator und Technologieführer.

Gerade im Bereich der Elektrotechnik, Telematik und Mikroelektronik ist die Schnelligkeit der technischen Entwicklung am eindruckvollsten zu erkennen.
Der Trend zu immer kürzeren Innovations- und Produktzyklen setzt sich rapide fort, denken wir da vor allem an die Informations- und Kommunikationstechnik und an den Bereich der Medizintechnik. Darin liegt auch die Dynamik, die abgesehen von regionalen Spezifika das Wachstum der Weltwirtschaft heute und in weiterer Zukunft bestimmen wird.

Um mit dieser Entwicklung Schritt zu halten, haben erfolgreiche Unternehmen klar definierte Innovationsprozesse und betreiben Innovationsmanagement. Sie sind so in der Lage, auf die sich stetig ändernden Randbedingungen flexibel zu reagieren, neue Produkte zeitgerecht zu entwickeln und auf den Markt zu bringen.

Aber auch die Halbwertzeit des Wissens nimmt rapide ab, in manchen Wissensbereichen spricht man davon, dass in nur einem Jahr die Hälfte des Wissens durch andere Wissenselemente und neue Informationen substituiert wird.

Der Erfolg eines Unternehmens wird heute nicht mehr durch sein Kapital, Maschinen oder Anlagen bestimmt, das Wissen der Mitarbeiter, die Mitarbeiter selbst als Human Capital und als Intellectual-Property-Netzwerk sind zum wichtigsten Asset geworden.

Die Soft-Facts eines Unternehmens, wie das Wissen und das Talent der Mitarbeiter, ihre Motivation und Leistungsbereitschaft, ihr Engagement, Weitblick und Wagemut sind in keiner Bilanz erfasst, stellen aber bei einem optionalen Zusammenspiel einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil dar.

Das Verhältnis zwischen Mitarbeiter und Unternehmen ist ein grundsätzlich anderes geworden. Die Mitarbeiter suchen sich ihren Arbeitsplatz neben den rein rationalen Kriterien auch nach emotionalen Gesichtspunkten aus. Das Image der Firma, die Firmenkultur und die Unternehmensziele und – Visionen spielen dabei eine wichtige Rolle.

Sie, sehr geehrte Jungakademiker sind das unverzichtbare Potenzial, das die Wirtschaft und unsere Gesellschaft braucht, unabhängig in welcher Form und wo sie ihr in den letzten Jahren erworbenes Wissen einsetzen werden. Auch unabhängig davon, wie viel und wie oft sie es verwenden können, beginnt bzw. prolongiert sich mit dem Start ihres Berufslebens ein „Life-long-learning und ein Training on the Job“. Nicht was sie – vielleicht nur um eine Prüfung zu bestehen - mühsam erlernt haben ist wichtig, sondern wie sie es erlernt haben, damit sie gelernt haben, Wissen und Erfahrung zu sammeln, anzuwenden und weiterzugeben.

Innovation ist nicht mit Erfindung (Invention) gleichzusetzen, sie ist weitaus vielschichtiger. Innovation ist Ergebnis von Kreativität, visionärer Kraft und Ergebnis intensiver, nüchterner Arbeit.
Nach einer freien Übersetzung von Thomas Edison ist Innovation zu „5 % Inspiration und zu 95 % Transpiration “Wie heißt es: „Ohne Fleiß kein Preis!“

Sie haben sich durch den Abschluss Ihres Studiums eine solide Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und das intellektuelle Rüstzeug für Ihren Beruf und Karriere geschaffen. Neben der technischen Kompetenz gehört zu einem akademisch ausgebildeten Menschen aber auch ein hohes Maß an Verantwortung, sozialer Kompetenz u. kultureller Bildung.

Für sie als Mitarbeiter, wie als Führungskraft, aber auch in ihrem privaten Leben, werden neben ihrem Intellekt und ihrer authentische Persönlichkeit, bestehend aus Kopf, Herz und Bauch, ihre emotionale Intelligenz, Offenheit, Flexibilität, Mobilität, ihren Lebensweg bestimmen. Erlauben Sie mir dies als persönliche Anmerkung, aus einer aus Erfahrung gereiften Überzeugung.

Der Blick in die Zukunft und auf die darin liegenden Anforderungen erfordert eine klare und qualitative Vorstellung. Es reicht nicht aus, vorhandene Technologien, Produkte und Lösungen von heute weiterzuentwickeln.
Viel mehr ist es notwendig, die vielen Einflussfaktoren, wie zum Beispiel die Einflüsse der Gesellschaft – das Bevölkerungswachstum, die älter werdende Gesellschaft, die Veränderung der Sozialstruktur – aber auch die der Politik, der Ökologie und Ökonomie in die Technologieentwicklung einzubeziehen.
Dabei gilt es auf Bewährtem aufzusetzen, aber vor allem die sich schnell veränderten Szenarien in der Zukunft vorherzusehen bzw. zu bestimmen.

Eine der Methoden der Zukunftsplanung besteht darin, zwei gegenläufige Sichtweisen miteinander zu verschränken: die Extrapolation aus der „Welt von heute“ und die Retropolation aus der „Welt von morgen“.
Im Rahmen der Retropolation werden Szenarien der Zukunft entworfen, um die daraus wahrscheinlichen Konsequenzen abzuleiten. Die Ergebnisse werden in Zukunftsbildern („pictures of the future“) festgehalten.

Auf dem Gebiet der Elektrotechnik/Elektronik, insbesondere im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik wird es noch viele Zukunftsbilder zu entwerfen geben, und werden sich viele interessante Themen, Chancen und Herausforderungen bieten.
Technologietrends, wie die Interoperabilität breitbandiger, intelligenter Netze, die Mensch–Computer-Kooperation anstelle der Mensch–Maschine-Interaktion, die durch Nano- und Biotechnologie fortschreitende Miniaturisierung und die Vielfalt der e-Business-Prozesse werden unser Geschäfts- und Privatleben – ob wir wollen oder nicht – in zunehmendem Maße beeinflussen und bestimmen.

Dr. Heinrich von Pierer, Vorstandsvorsitzender von Siemens, formulierte es einmal so:
„Der sicherste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist sie selber zu erfinden und zu gestalten.“

Ich kann und will ihnen ihre Zukunft nicht voraussagen. Im Sinne des Zitats müssen sie diese selbst erfinden und gestalten. Dafür wünsche ich Ihnen den Mut und die Freude, aber auch das immer notwendige Quäntchen Glück für Ihren erfolgreichen Berufsweg und spannenden Lebensweg.
Mit dem heutigen Tag haben sie etwas erreicht, worauf sie stolz sein können:
Herzliche Gratulation zu Ihrem Studienabschluss!


Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.