Festrede von Dipl.-Ing. Dr. techn. Herbert GÖTZ, Direktor der Siemens AG Österreich anläßlich der Sponsionsfeier am 30.1.2003 an der Technischen Universität Graz

Spektabilis,
geschätzte Herren Professoren,
werte Festgäste,
liebe junge Diplomingenieurinnen und Diplomingenieure!


Mit grosser Freude habe ich die Einladung der Technischen Universität Graz angenommen und betrachte es als Ehre und Auszeichnung, sehr geehrte Neo- Diplomingenieurinnen und Diplomingenieure heute, an diesem ihrem Festtag, einige Worte an Sie richten zu können.

Ich tue dies auch deshalb gerne, da ich meine, durch mein Alter in einer besonders vorteilhaften Ausgangssituation für diese Ausführungen zu sein. Auf der einen Seite konnte ich Ihnen rund eineinhalb Jahrzehnte an Lebens- und Berufserfahrung vorausgehen, die seit meiner Sponsion zum Diplomingenieur, damals an meiner Alma Mater, der Technischen Universität Wien, vergangen sind und dabei eine Reihe von Erfahrung gewinnen und Zusammenhänge erkennen, die ich Ihnen gerne an diesem Festtag mit in ihren gedanklichen Rucksack mitgeben möchte. Zum anderen sind eineinhalb Jahrzehnte ein so kurzer Zeitraum, dass ich mich noch sehr gut in Ihre Situation versetzen kann und sehr gut zu wissen glaube, was Sie heute bewegt und welche Fragen Sie an Ihre Zukunft stellen.

Ich möchte daher in Form zweier Zugänge zunächst einige Gedanken zum Wesen ihres heutigen Abschlusses und dem damit für Sie einhergehenden Auftrag werfen und in der Folge versuchen Ihnen einige – ich möchte das Wort Ratschläge vermeiden, diese benötigen Sie nicht, lassen Sie mich es anders ausdrücken: Sie ein wenig für jene, manchmal auch schwer erkennbaren, Wegmarkierungen zu sensibilisieren, die in Ihnen auf ihrem zukünftigen Berufsweg begegnen werden.

Zum ersten, zum Abschluss als solchem: Was ist es, das Sie nach einer vielfach sicherlich als lang und mühsam erlebten Mittelschulzeit samt Matura offensichtlich angetrieben hat sich weiter akademisch zu betätigen und die dabei erworbenen Fähigkeiten durch den Abschluss eines Diplomstudiums auch öffentlich zu dokumentieren.

Wenn ich die, dem menschlichen Wesen nicht allzu fremden Eigenschaften wie Selbstdarstellung oder Eitelkeit einmal beiseite lasse – nicht dass ich behaupten möchte, dass wir davon vollständig frei sind, um Ihnen nicht zu nahe zu treten beziehe ich diese Aussage zunächst auf mich – so lag der tiefere Kern Ihrer Motivation doch wahrscheinlich im Streben nach tieferer Durchdringung ingenieurwissenschaftlicher Grundlagen und Phänomene.

Aus Interesse - also zur Bereicherung Ihres Wissens auf der einen Seite - weil Sie die Möglichkeiten der Elektrotechnik und Ihrer Anwendungen immer schon interessiert, vielleicht auch fasziniert haben. Vor allem aber auch, auf der Suche nach einem soliden Rüstzeug, um im späteren Berufsweg, sei es an der Universität selbst oder in der Wirtschaft ganz allgemein die gestellten Herausforderungen sicher bewältigen zu können. Das ist es auch, was akademische Ausbildung im Sinn unseres abendländisch, europäischen Kulturverständnisses dargestellt. Nicht mechanistisches Wiedergeben vorhandenen Wissens, sondern das Erlernen der Fähigkeit alleine oder mit anderen ein ingenieurwissenschaftliches Problem ordentlich und nachvollziehbar lösen zu können. Der Abschluss eines Diplomstudiums soll - in seinem eigentlichen Sinn - die individuelle Dokumentation dieser Fähigkeit sein.

Lassen Sie mich die Dinge ein wenig praxisnäher, oder besser gesagt - ich habe in wissenschaftlichen Diskussionen gelernt, dass man den Begriff praxisnah so gar nicht gerne hört – also ein wenig „anwendungsorientierter“ beleuchten:

Ich habe schon zu Beginn erwähnt, dass nahezu eineinhalb Jahrzehnte vergangen sind, seit dem ich mein Studium abschließen konnte. Ich weiß nicht genau, welche Lehrveranstaltungen die aktuellen Elektrotechnik-Studienpläne im Detail beinhalten, aber ich bin sicher, es waren für Sie Prüfungen aus Lehrveranstaltungen dabei, die für Sie persönlich Meilensteine bildeten, deren Überwindung Sie das eine oder andere Mal nahe an die Grenzen ihrer physischen und physischen Belastbarkeit geführt haben. Und manchmal haben Sie sich sicher gefragt – wozu?

Ich hatte, ich habe - wie schon sagte - Maschinenbau an der TU-Wien studiert, beispielsweise in meinem Studium den begründeten Verdacht, dass es so viele Arbeitsplätze als Aerodynamik-Experten in der europäischen Luft- und Raumfahrtindustrie in den nächsten 100 Jahren gar nicht gibt, als alleine Studenten in meiner Übungsgruppe der - wie wir sie liebvoll nannten - großen Strömungslehre zu Spezialisten für das Phänomen des dynamischen Verhaltens von angeströmten Tragflächen beim Übergang von Unter- auf Überschallströmung wurden. Sie können sicherlich über ähnliche Wahrnehmungen berichten!

15 Jahre nach meiner Graduierung gestehe ich freimütig zu, dass ich auch eine Reihe anderer der damals erarbeiteten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und deren Ableitungen in meinem Berufsleben bisher nicht wirklich erfolgreich habe umsetzen können. Später habe ich erkannt, dass dies auch nur ein Teil des Erworbenen war und erkannt warum es eigentlich wirklich geht.

Was ich mitgenommen habe, und dies war für mich der eigentliche Gewinn des Technikstudiums, ist aufsetzend auf einem soliden Fundament naturwissenschaftlichen Verständnisses, die Fähigkeit zur Abstraktion und Analysefähigkeit, zur Priorisierung und zum strukturierten und zielgerichteten Zugang zu Aufgaben und Problemen und zu deren Lösung. Ich habe mich mit diesem intellektuellem Rüstzeug einer österreichischen Technischen Universität bisher immer sehr gut gefühlt und hatte auch gegenüber Kollegen, die in anderen Ländern und Bildungssystemen ihre Ausbildung oder ihr Studium abgeschlossen hatten, oftmals den subjektiven Eindruck durch dieses Studium in bezug auf Offenheit und Breite des Problemzuganges im Vorteil zu sein.

Lassen Sie mich diesen Teil meiner Überlegungen mit einem kurzen Zitat schließen. Es stammt aus dem sehr empfehlenswerten Buch „Clausewitz – Strategie Denken“ herausgegeben von Bolko von Oettinger namens des Strategieinstitutes der Boston Consulting Group. Es beschäftigt sich mit der These, dass Unsicherheit heute neue Muster angenommen hat.

Oettinger vertritt dabei die These, dass die in der Vergangenheit weitgehend exogen gelegenen Ursachen der Unsicherheit zukünftig endogener Natur sein werden. Er sagt: „Heute beruht die Unsicherheit in erster Linie darauf, wie freie wirtschaftliche Akteure ihre Beziehungen untereinander auf eine von ihnen gewählte Art und Weise regeln. Dabei werden diese Akteure nicht mehr - und das scheint mir das wesentliche zu sein - wie in der Vergangenheit von Kräften eingeschränkt, denen alle wirtschaftlichen Akteure gehorchen müssen. Ihre einzige Beschränkung besteht in den Grenzen ihrer Vorstellungskraft. In Abwandlung eines Zitats von Georg Bernhard Shaw können wir heute sagen: Wir haben die Unsicherheit gesehen, und sie ist kein anderer als wir selbst“ und weiter „In Situationen, in denen es zu Phasensprüngen kommt, muss man handeln, bevor man genaue Pläne entwerfen kann. Da wir heute sehr wenig darüber wissen, was die Märkte brauchen oder wie groß sie werden können, müssen Pläne einem ganz anderem Zweck dienen: Sie müssen Pläne für einen Lernprozess, nicht Pläne für eine Implementierung sein.“

Dieses zu können, zu tun und anderen dabei vorauszugehen, darin sehe ich den eigentlichen Auftrag, zu dem Sie ihr heutiger Ausbildungsabschluss befähigen soll.

Und nun zu den Ratschlägen – oder besser wie zuerst gesagt: Sensibilisierungen für die Wegmarken ihres beruflichen Weges.

Erlauben Ihnen und die normalerweise in solchen Reden unvermeidlichen Allgemeinplätze wie: Seien sie dynamisch, übernehmen Sie die Initiative, Lösen Sie Schwierigkeiten oder ähnliches zu ersparen. Ich gehe davon aus – oder besser gesagt, lassen Sie mich es in der Sprache der Technik formulieren – ich setze dies alles als vorhandene Rahmenbedingungen voraus. Sonst würde wohl jeder einzelne von Ihnen nicht heute nicht hier stehen, oder besser gesagt sitzen.

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf etwas ganz anderes lenken. Sie werden in Kürze, egal ob hier an Ihrer Universität, in der öffentlichen Verwaltung oder in der Wirtschaft ganz allgemein eine Aufgabe und damit Verantwortung übernehmen. Sei es für ein Projekt, für ein Team, vielleicht für eine ganze Abteilung oder später gar einen ganzen Unternehmensbereich. Sie werden zwingend dabei auch Verantwortung für Menschen übernehmen. Viele dieser Ihnen Anvertrauten werden älter sein als Sie. Und viele werden aller Voraussicht nicht jenes Maß an formaler Ausbildung genossen haben wie Sie selbst. Weil es ihre damaligen familiären und/oder finanziellen Verhältnisse nicht zugelassen haben oder schlicht auch weil sie selbst keinen Anspruch auf formale Ausbildung an sich selbst gestellt haben und/oder einem solchen auch nicht intellektuell entsprochen hätten. Viele werden lange Jahre an Erfahrungen haben und sich in Detailthemen naturgemäß besser auskennen als Sie das jemals können werden. Diesen Menschen vorauszugehen, sie gemeinsam für eine Aufgabe oder ein Ziel zu begeistern, dies wird die eigentliche Herausforderung für Sie werden.

Mit dem Vorausgehen ist es dabei so eine Sache. Gehen Sie so weit oder so schnell voraus, das Ihnen ihre Mitarbeiter nicht folgen können, sie sich bildlich gesprochen auf ihrem Weg umdrehen und keinen mehr hinter sich sehen, bleibt ihr gesamtes Streben ohne Wirkung. Passen Sie Ihr Schrittmass andererseits der breiten Menge an, wird es Ihnen kaum gelingen wirklich neues zu Erreichen, bevor dies andere tun. Diese richtige Balance zu finden: „Führen zu lernen“, darin sehe ich die eigentliche Herausforderung, der sie in den nächsten Jahren begegnen werden. Tun Sie das mit Freude, mit echtem Pioniergeist, mit Offenheit für alles Neue aber auch mit Behutsamkeit und Sorgsamkeit für jene Menschen oder jenes Vermögen das Ihnen dabei anvertraut wird.

Führen kann man nicht an der Universität lernen. Man kann Wissen über die Elemente, Methoden oder Messgrössen von Führung lernen, ihren eigentlichen Weg aber müssen Sie alleine gehen.

Unser Land hat Ihnen - erlauben Sie mir eine Beschäftigung mit dem Thema Studiengebühren auszusparen, eine Befassung mit diesem wäre bestenfalls geeignet den von mit betrachteten Gedanken unzulässig zu verkürzen. Unser Land hat Ihnen mit Ihrem heutigen Abschluss dazu die beste Ausbildung mitgegeben über die es verfügt. Jetzt liegt es an Ihnen!

Gerne möchte ich diesen Gedanken mit einem Zitat schließen, das einer jener Menschen gerne und oft verwendet hat, der für mich persönlich so eine der zuerst erwähnten Wegmarken auf meinem Lebens- und Berufsweg war. Gestern sind auf den Tag genau 10 vergangen, seit er damals, mit 56 Jahren leider viel zu früh gestorben ist. Ich spreche von Walter Heinzinger, einem Landsmann von Ihnen, steirischer Abgeordneter zum Nationalrat und einer jener politischen Vordenker, der lange bevor dies en vogue war, versucht hat den Beweis anzutreten, dass sich ökologische Nachhaltigkeit und ökonomischer Erfolg nicht ausschießen, sondern im Gegenteil sich in einer entwickelten Volkswirtschaft sogar gegenseitig bedingen. Walter Heinzinger, ein Vordenken und Visionär, der im übrigen maßgeblich politisch dazu beigetragen hat, vor etwas mehr als 10 Jahren einen Lehrstuhl für Holzbau an ihrer Universität zu schaffen.

Um mit Walter Heinzinger zu sprechen. Liebe Neo-Diplomingenieurinnen und Diplomingenieure, mit dem heutigen Studienabschluss hat jeder von Ihnen den „Marschallstab in seinem Tornister“. Ihn herauszuholen und für Sie selbst zu einem Erfolg zu führen, das liegt ausschließlich an Ihnen selbst. Ich wünsche Ihnen dazu viel Freude, Energie und - im Sinne des zuerst Gesagten - auch jenes Maß an Sorgsamkeit und Verantwortung das erfolgreiche Menschen auszeichnet!

Alles Gute, glück auf!


Graz, 30. Jänner 2003