Festrede von Dipl.-Ing. Hans Haider anläßlich der Sponsionsfeier an der Technischen Universität Graz

Spektabilität,
sehr geehrte Herren Professoren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
verehrte Festgäste!



Für acht neue Diplomingenieure (nur Herren) unter Ihnen ist es heute ein großer Tag. Ihre mehrjährige akademische Ausbildung, meine sehr geehrten Kollegen, die sicherlich mit Mühe, Fleiß, Verzicht und auch Erfolgserlebnissen verbunden war, wird heute in einem festlichen Akt mit der Verleihung des akademischen Titels offiziell abgeschlossen. Sie haben es verstanden, Ihre Begabung zu nützen und in Erfolg umzumünzen. Hinter Ihnen liegt eine schwierige Ausbildung, die höchste Anerkennung verdient. Anerkennung gebührt auch Ihren Lehrern und Professoren sowie Ihren Eltern und Angehörigen, Lebenspartnern, Freunden und Bekannten, die Ihnen durch Unterstützung und Solidarität, vielleicht auch unter persönlichen Opfern den Weg zur heutigen Feierstunde geebnet haben.

Vor einigen von Ihnen liegt vielleicht eine weitere akademische Laufbahn, ein Doktoratsstudium oder überhaupt eine wissenschaftliche Laufbahn. Für andere wird es der Zeitpunkt sein, zu dem sie in das Erwerbsleben in der Wirtschaft eintreten. Was immer Sie vorhaben, Sie haben sich mit der Ausbildung zum Techniker an einer renommierten österreichischen Universität eine exzellente Grundlage für Ihre berufliche Zukunft geschaffen. Ich kann in einer Zeit rascher Veränderungen nur an Sie appellieren, setzen Sie auf dieser soliden Grundlage mit weiterer Aus- und Weiterbildung auf, belassen Sie es nicht bei Ihrem hier erworbenen Wissen, so umfassend dies auch zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist, und passen Sie sich den raschen Veränderungen an.

Permanent education hieß in den siebziger Jahren ein modisches Schlagwort. Anfangs wurde es belächelt. Ähnlich wie die damalige Prognose eines skandinavischen Soziologen, der die Zukunft des erwerbstätigen Menschen im Zeichen eines mehrmaligen Berufswechsels sah. Nun, mittlerweile wissen wir, daß beides eingetroffen ist. Nicht nur das. Die Halbwertszeit des erworbenen Wissens wird immer kürzer. Das erfordert eine hohe Bereitschaft der Menschen, bei Veränderungen mitzumachen. Es stellt aber auch hohe Anforderungen an das Bildungssystem, mit einem enormen Druck zu immer neuen Bildungsangeboten bzw. Inhalten, um den Erfordernissen unserer Zeit Rechnung zu tragen. Daß dies den österreichischen Universitäten bisher auf international hohem Niveau gelungen ist, verdient ausdrückliche Anerkennung.

Als Repräsentant einer Branche, die in den letzten Jahren gewaltigen Veränderungen unterworfen war, kann ich mich auf einschlägige Erfahrungen stützen. Die Liberalisierung des Strommarktes in der Europäischen Union war und ist ein wirtschaftspolitisches Großprojekt. Den Auftritt im liberalisierten Markt haben wir im Verbund bisher erfolgreich bewältigt, müssen uns aber stets neuen Veränderungen anpassen.

Gerade Sie als Elektrotechniker werden wissen, wie sehr unsere gesamte Wirtschaft an der Nabelschnur der Stromversorgung hängt. Strom als Produkt und Dienstleistung wird als Selbstverständlichkeit empfunden und erst dann geschätzt, wenn es einmal nicht zur Verfügung steht. Größere Stromausfälle sind uns in Österreich in den letzten drei Jahrzehnten dank einer Versorgung auf technisch hohem Niveau erspart geblieben. Trotzdem mußten wir jedes Kraftwerksprojekt, jedes Teilstück einer Leitung gegen den Widerstand einer ökologisch sensibilisierten Öffentlichkeit durchsetzen. Über Technikfeindlichkeit bzw. Technikangst brauche ich Ihnen nichts zu sagen. Sie werden das aus Ihrer persönlichen Erfahrung kennen. In Zukunft werden Ihnen Probleme dieser Art wahrscheinlich auch im Berufsleben begegnen. Nun, wie können Sie gegensteuern?

Im Sinne einer Pflichtenethik resultiert für Sie als junge Akade-miker auch der sorgsame Umgang mit dem Wissen und mit dem Können, das Sie erworben haben. Vieles von dem, was Sie beherrschen, läßt sich zum Segen der Menschen einsetzen. Was das konkret ist, darüber müssen Sie sich selbst ein Urteil bilden. Diese Verantwortung kann Ihnen niemand abnehmen. Aber ich bin sicher, Ihr kritisches Bewußtsein wird Ihnen den richtigen Weg zwischen nutzbringender Anwendung der Technik auf der einen Seite und blinder Fortschrittsgläubigkeit oder Vor-urteilen auf der anderen Seite weisen.

Es wird künftig Ihre Aufgabe als Führungskraft der dritten, zweiten oder gar ersten Führungsebene sein, sich Entscheidungen stellen, die Ihnen mehr als das akademisch erworbene Wissen abverlangen. Sie werden dabei die Erfahrung machen, daß in der modernen Berufswelt die Zusammenschau vielfältigen Wissens als Entscheidungsgrundlage erforderlich ist. Deshalb wird in den Führungsebenen der Universalist immer stärker gefragt. Wir können es heute beispielsweise nicht mehr externen Entscheidungsinstanzen überlassen, wann und wo wir eine neue Anlage errichten müssen. Wir sind dazu aufgefordert, auf die Entscheidungsträger gezielt Einfluß zu nehmen, um unsere betriebswirtschaftlichen Interessen durchzusetzen.

Das ist eine Führungsaufgabe, an der Sie in vorbereitender oder durchführender Weise künftig mitwirken werden. Ich will an einem Beispiel aufzeigen, was in Zukunft auf Sie zukommen kann. Und ich bin sicher, Sie werden solche Herausforderungen unter ständig sich ändernden Bedingungen in engagierter Weise aktiv annehmen. Denn wenn es nach dem Willen unserer Gegner ginge, hätten wir in Österreich nicht nur kein Kernkraftwerk, sondern auch kein neues konventionell kalorisches Kraftwerk oder Wasserkraftwerk errichten können. Ähnlich verhält es sich beim Ausbau des Hochspannungsnetzes. Jedes unserer Projekte steht unter einem enormen Legitimationsdruck, mit dem wir zurechtkommen müssen.

Rasche Veränderungen und langsame Akzeptanz bei den Menschen - das kennzeichnet die aktuelle Situation im Wirtschaftsleben. Es wird eine weitere Aufgabe für Sie sein, Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf ein Schritthalten mit den Veränderungen einzustimmen, sie zu motivieren und ihnen die Angst vor Veränderungen zu nehmen. Damit bin ich bei einem Thema, das ich Ihnen besonders ans Herz legen möchte: der Umgang mit Kolleginnen und Kollegen. Hiebei, meine sehr verehrten Herren, sind Ihre menschlichen Qualitäten gefordert. Denn jedes Unternehmen ist nur so gut, wie seine Mitarbeiter sind. Nur wenn sie, wenn er sich mit dem Unternehmen identifiziert, bildet sich eine positive Unternehmenskultur, die eine Voraussetzung für den Erfolg des Unternehmens ist.

Bei dieser Aufgabe kommt Ihrer Person Vorbildwirkung zu. Pe-ters und Waterman erteilten in ihrem bekannten Werk "Auf der Suche nach Spitzenleistungen" einen "Rat für Manager". Machen Sie sich Gedanken über Ihr Wertesystem. Werden Sie sich klar, wofür Ihr Unternehmen steht. Und wenn Sie sich dieses Wertesystem gebildet haben, dann leben Sie es sichtbar Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor.

Ich habe von der Angst der Menschen vor den raschen Veränderungen im Wirtschaftsleben gesprochen. Es ist nicht allein der technisch-wissenschaftliche Fortschritt, der sie besorgt macht. Es ist auch das weltweite Zusammenrücken der Märkte. Wir spüren das jetzt beim bevorstehenden Zusammenrücken des Arbeitsmarktes angesichts der geplanten EU-Erweiterung. Die sogenannte Globalisierung war und ist noch immer Gegenstand zahlreicher Auseinandersetzungen ausgehend von der Frage, wie sie unsere Zukunft beeinflussen wird. Existenzängste verbergen sich dahinter.

Gerade hier in Graz ist es mir eine Freude, den ehemaligen Pri-or des nahegelegenen Cistercienserklosters Rein und heutigen Abt von Stift Heiligenkreuz, Pater Gregor Henckel Donnersmarck zu zitieren, der sich mit dem Thema Globalisierung auseinandergesetzt hat*). Bei ihm kommt deutlich die Sorge zum Ausdruck, daß der Mensch von den Mechanismen der Marktwirtschaft überrollt werden könnte. Der Autor appelliert an alle Verantwortungsträger, den globalen Markt vor seiner Selbstzerstörung zu bewahren und ihn zum Nutzen der Menschen funktionsfähig zu erhalten. Nicht der weltweite Markt sei eine Bedrohung, sondern mangelhafte Regeln für wirtschaftliche Abläufe. Auf diese Regeln könne allerdings Einfluß genommen werden. Was der Autor derzeit noch vermißt, sind wirkungsvolle globale Instanzen, die als Gegengewicht zum globalen Markt in vergleichbarem Ausmaß regulierenden Einfluß besitzen.

Mit solchen und ähnlichen Fragen, werte Kollegen, werden Sie im Laufe Ihres Berufslebens konfrontiert sein. Sie haben jedoch mit Ihrer Ausbildung eine hervorragende Voraussetzung erworben, mit diesen Aufgaben, von denen ich aus meiner beruflichen Praxis einige wenige angedeutet habe, fertigzuwerden. Treten Sie Problemlösungen mit menschlicher Größe entgegen und seien Sie damit Vorbild für Ihre Kolleginnen und Kollegen. Glauben Sie mir, unsere Welt ist nicht gerade reich an Vorbildern. Als künftige Führungskräfte ist Ihnen die Rolle des Vorbildes zugedacht. Nehmen Sie sie wahr und geben Sie damit ein Beispiel wie Sie es von Ihren Lehrern in Ihrer Ausbildungszeit bekommen haben. Die Menschen werden es Ihnen zu danken wissen.

Ihnen aber gratuliere ich jetzt zu Ihrem erfolgreichen Studienabschluß. Mit dieser Gratulation darf ich Sie auf Ihren weiteren Lebensweg entlassen und soviel Glück wünschen, wie es Generationen von jungen Technikern vor Ihnen bei der Bewältigung ihrer schwierigen Aufgaben begleitet hat.


*) in: Conturen 4/98, S. 18ff "Markt und Globalisierung in der katholischen Soziallehre"