Festrede von Herrn Vorstand Dipl.-Ing. Dr.h.c. Roland Käfer anläßlich Sponsionsfeier Technische Universität Graz

Meine sehr geehrten Damen und Herren !

Zunächst vielen Dank für diese Einladung zu Ihrer Sponsionsfeier und die damit verbundene Gelegenheit, in diesem feierlichen Rahmen zu Ihnen sprechen zu dürfen. Es ist mir eine Freude und Ehre zugleich, zu einem Zeitpunkt, der für Sie den Abschluss einer wichtigen Phase Ihres Lebens darstellt, einige Fassetten aus dem industriellen Alltag hier einbringen zu können. Ich wende mich dabei besonders an jene Damen und Herren, die heute mit dem akademischen Grad eines Dipl. Ing. ausgezeichnet werden. Da ich selbst vor nunmehr fast 40 Jahren hier in diesem Raum in der ersten Reihe gesessen bin, glaube ich sehr gut zu wissen, in welchem Zustand Sie sich gerade befinden.
Wenn man mich spontan nach dem Unterschied zwischen damals und heute fragt, dann fällt mir vor allem das hohe Veränderungspotential in vielen Lebensbereichen ein, das sich um eine Zehnerpotenz von früher unterscheidet. Technisch ausgedrückt, haben Amplitude und Frequenz der Veränderungen ein noch nie da gewesenes Ausmaß angenommen.

Im gesamten Verlauf meiner beruflichen Laufbahn hat es ständig und auf den unterschiedlichsten Gebieten Veränderungen gegeben, rückblickend waren diese aber nie so intensiv wie im letzten Jahrzehnt. Das hängt einerseits zusammen mit den bekannten tiefgreifenden politischen Ereignissen, ausgelöst durch EU-Integration und Osterweiterung, damit verbunden weitreichende wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen in Europa, gleichzeitig aber auch die massive praktische Umsetzung der Informationstechnologien mittels eines noch nie dagewesenen Kapitaleinsatzes. Weltweit wurden die Ereignisse in Europa begleitet von starken Marktbewegungen in Ostasien, die gewaltige Geldmengenströme aus Europa und den USA abgezogen und in diese Gebiete gelenkt haben und in deren Folge erhebliche Turbulenzen sowohl politisch wie auch wirtschaftlich entstanden sind.
Diese sehr komprimiert zusammengefassten Ereignisse hatten natürlich erheblichen Einfluss auch auf die Entwicklung in unserem Lande, der Anpassungsprozeß der vorhandenen Strukturen an die neuen Gegebenheiten war von erheblichen Schwierigkeiten begleitet und ist beileibe noch nicht abgeschlossen. Die Auswirkungen sind in allen Wirtschaftszweigen zu beobachten und reichen tief in Verwaltung und Organisation des Staates. Veränderungen dieser Dimension gehen nicht spurlos an einer Gesellschaft vorüber, auch nicht an dieser Universität, und trotz aller damit verbundenen Unpässlichkeiten sollten wir uns täglich darüber freuen, wie gut wir in Österreich und dem westlichen Europa bisher damit fertig geworden sind.
Wenig beschreibt diese 10 Jahre besser als persönliche Erfahrungen im eigenen Unternehmen. Die Zahl der Mitarbeiter musste innerhalb dieses Jahrzehnts halbiert werden, das Unternehmen durchlebte dabei 3 Eigentümer und hatte in dieser Zeit 4 Firmennamen, begleitet von ungezählten gesellschaftsrechtlichen Aufsplittungen und Zusammenschlüssen von Unternehmensteilen.

In dieser schwierigen aber gleichwohl hochinteressanten Phase der Wirtschaft stoßen Sie als Absolventen einer TU in das Praxisleben und ich will versuchen, Antworten auf Fragen zu geben, von denen ich annehme, dass sie für Sie von Interesse sind:
Passt meine Ausbildung in das Anforderungsprofil der heutigen Wirtschaft?
Welche Chancen in der Wirtschaft habe ich heute und wie langfristig sind sie?

Die Wahl des richtigen Ausbildungsprofils beschäftigt permanent die Aufmerksamkeit der Verantwortlichen in den Universitäten und der Wirtschaft. Vor vielen Jahren habe ich hier in diesem Raum einen Vortrag über die damaligen Anforderungen der Wirtschaft an die Ausbildung der elektrotechnischen Fakultät gehalten. Man hat mir nachher vorgeworfen, ein allzu anspruchsvolles Wunschbild gemalt zu haben, das zu viele Anforderungen stellt. Ich bleibe aber dabei und würde, heute gefragt, das damals Gesagte weitgehend wiederholen, wobei ich weiß, dass in der Zwischenzeit vieles von dem bereits realisiert wurde.

Die Aufgabe besteht darin, im Ausbildungssystem dem immer stärker wachsenden Wissensumfang und der hohen Änderungsgeschwindigkeit des Anforderungsprofils in der Wirtschaft gleichermaßen gerecht zu werden. Ersterem kann man u.a. Rechnung tragen entweder durch stärkere Spezialisierung der Ausbildung oder durch Betonung fundierter Grundlagenkenntnisse. In dieser Frage ist man sich auch in der Wirtschaft nicht ganz einig. Ich selbst rede hier der breiteren Grundlagenausbildung das Wort und meine, dass Generalisten den Erfordernissen des heutigen Wirtschaftslebens besser entsprechen als Spezialisten, weil diese sich flexibler den raschen Änderungen der Anforderungsprofile anpassen können. Wie immer aber diese Ausprägung der akademischen Ausbildung sich darstellt, wichtiger noch erscheint mir heute die Ergänzung des rein technischen Fachwissens durch andere Disziplinen wie z.B. Grundkenntnisse betriebs- und marktwirtschaftlicher Zusammenhänge.

Kaufmännische Kenntnisse und Managementfähigkeiten sind deshalb wichtig, weil ich mir wünsche, dass an den Schlüsselpositionen der Wirtschaft und der Gesellschaft in Zukunft mehr Techniker sitzen als bisher. Das gesellschaftliche
Image der Techniker hat in den vergangenen Jahren, in denen sich das Umweltbewußtsein in einem vorher nicht gekannten Ausmaß entwickelt hat, einen unverdienten Tiefstand erreicht. Ich frage in diesem Zusammenhang, womit anders die großen Probleme der nächsten Jahrzehnte - Überbevölkerung und die damit verbundenen Fragen der ausreichenden Versorgung mit Energie, Nahrungsmitteln und Wasser, aber auch die Entsorgungsfragen - gelöst werden als in erster Linie mit Hilfe von Wissenschaft und Technik?

Den raschen Änderungen der Anforderungsprofile kann darüber hinaus sehr wirkungsvoll durch eine noch stärkere Kommunikation der Wirtschaft mit den Universitäten Rechnung getragen werden. Nur in einer intensiven und offenen Kommunikationskultur gelangen Informationen rasch an die richtige Stelle. Hier kommt dem Netzwerk Wirtschaft-Universität eine wichtige Rolle zu, und hier insbesondere den Einrichtungen der Universitäten zur lebenslangen Bindung von Studienabgängern, wie beispielsweise die Absolventeninitiative ELITE in Graz. Aber auch die Fortbildungsangebote der Universität, die der permanenten Weiterbildung der in der Wirtschaft stehenden dienen, erfüllen u.a. diesen Zweck. Ich kann nur dringend empfehlen, davon regen Gebrauch zu machen und diese Einrichtung zur Wissensmehrung und zu einer Plattform intensiver Kommunikation zu entwickeln.
Gestatten Sie mir noch einen kurzen Ausflug zum gegenwärtigen Bedarf an Absolventen in der Wirtschaft. Hier ist die aktuelle Situation uneinheitlich quer über die gesamte Fakultät. Während in der Informationstechnik und der Elektronik und Regeltechnik ein erheblicher Bedarf an Studienabgängern besteht, ist, bedingt durch die Liberalisierungswehen in Europa der Einsatz von Energietechnikern im Vergleich dazu weniger dringend. Dies ist aber nur kurzfristig zu sehen. Mittelfristig haben Sie trotz der zur Zeit etwas angestrengten Wirtschaftslage auf der Basis des von Ihnen absolvierten Studiums alle Chancen. Die heute gegebenen Begleitumstände garantieren zumindest ein abwechslungsreiches und interessantes Berufsleben, darüber hinausgehende Garantien gibt es nicht. Es liegt in erster Linie an Ihnen selbst, was Sie mit dem bisher Gelernten anfangen. Die Ausbildung an dieser Universität schafft Ihnen jedenfalls die bestmöglichen Vorraussetzungen für ein langfristig erfolgreiches Berufsleben, nützen Sie diesen Umstand und treten Sie den Herausforderungen der Praxis entschlossen entgegen. Es gibt noch viel zu tun in dieser Welt, tun Sie es.

Dazu wünsche ich Ihnen viel Erfolg, aber auch Glück und bedanke mich für Aufmerksamkeit.