Festrede von Dipl.-Ing. Dr.h.c. Roland Käfer, Alleinvorstand der ALSTOM Power Austria AG anläßlich der Sponsionsfeier am 4.7.2002 an der Technischen Universität Graz

Magnifizenz, Spektabilität, geschätzte Professoren, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Absolventinnen und Absolventen !

Schon mehrfach hatte ich in den vergangenen Jahren die Freude und Ehre, anlässlich einer Sponsion an diesem Rednerpult zu stehen und aktiv Beteiligter dieses wichtigen Ereignisses sein zu dürfen. Ich danke auch in diesem Jahr der Technischen Universität Graz dafür, dass ich hiezu eingeladen wurde und einige Worte an die Absolventen und deren Angehörige richten darf.
Wie der Herr Dekan in der Vorstellung meiner Person bereits erwähnt hat, bin ich nun schon geraume Zeit in der Wirtschaft tätig, davon die letzten 16 Jahre als Vorstand der österreichischen Gesellschaft verschiedener internationaler Konzerne, die im Bereich der elektrischen Energieversorgung und Transportsysteme tätig sind. In dieser Eigenschaft kommt einem vieles unter und ich hoffe, Ihnen - wohl aus meiner subjektiven Sicht - einige Erfahrungen aus der Praxis mitbringen zu können.

Zunächst aber das Wichtigste: Herzliche Gratulation Ihnen allen zum erfolgreichen Abschluss des Studiums und zur Erlangung des akademischen Grades eines Dipl. Ing.

Die Sponsion ist der offizielle Abschluss einer Ausbildung, die weltweit hohe Anerkennung genießt, und die trotz der zur Zeit heftig geführten Diskussion über andere Ausbildungsformen international und national keinen Vergleich zu scheuen braucht. Im Gegenteil. Es ist meine feste Überzeugung, dass die Technischen Universitäten Österreichs, und hier insbesondere die TU Graz, auf dem Gebiet der Lehre weltweit zu den führenden Einrichtungen zählt, jedenfalls ist mir in den 39 Jahren meines Berufslebens noch niemand begegnet, der sich in seiner oder ihrer Ausbildung deutlich positiver von österreichischen Universitätsabgängern abgehoben hätte.

Dennoch.
Mit dem Abschluss des Studiums hier in Graz ist Ihre Ausbildung nicht am Ende. Benjamin Briten hat einmal gesagt, "Lernen ist wie rudern gegen den Strom. Sobald man aufhört, treibt man zurück". Das gilt ganz besonders für den Bereich der Technik und ganz besonders auch für die Zeit, in der wir leben.
Die Möglichkeiten zur Weiterbildung neben der Berufsausübung bestehen heute in vielfältiger und schon opulenter Form, wesentlich ist, die richtige Auswahl zu treffen und vor allem Ihre Bereitschaft, sich neben den beruflichen Anstrengungen eines 10 Stunden Tages den Mühen der Fortbildung zu unterziehen.
Auch an dieser Universität gibt es zahlreiche Anbote für weiteres Lernen, nutzen Sie diese und versuchen Sie, dass Ihre Fachkenntnisse aber auch Ihre allgemeine Bildung mit den ständigen Neuerungen Schritt hält.

Meine eigene berufliche Laufbahn war auf verschiedensten Gebieten permanent von neuen Entwicklungen begleitet. Nicht nur in fachlicher Hinsicht hat sich stets viel getan - immerhin habe ich mein Studium zu einer Zeit beendet, als wir noch ausschließlich mit dem Rechenschieber Programme kalkulierten - auch das gesamte wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Umfeld hat sich laufend geändert, besonders intensiv in den letzten zehn Jahren. Das hängt einerseits zusammen mit den bekannten tiefgreifenden politischen Ereignissen, ausgelöst durch EU-Integration und Osterweiterung und die damit verbundenen weitreichenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen in Europa, andererseits aber auch die massive praktische Umsetzung der Informationstechnologien mit Hilfe eines enormen Kapitaleinsatzes. Beide Entwicklungen sind noch nicht am Ende und werden uns noch einige Jahre beschäftigen.

Globalisierung, Informationsgesellschaft, Merger & Acquisitions, sind nur einige bekannte Schlagworte des heutigen Wirtschaftslebens, aber auch Konkurs von Gesellschaften, Aktienüberbewertung und Bilanzfälschung. Die Medienberichte der letzten Jahre waren übervoll von diesen Begriffen, man hat sich fast schon daran gewöhnt.
Ich habe allerdings den Eindruck, dass der Scheitelpunkt der Firmenkäufe und - verkäufe bereits überschritten ist und die erste Welle der strategisch begründeten Akquisitionen abklingt. Heute finden Firmentransaktionen in erster Linie statt zum Zwecke der Cash-Generierung und Sanierung von in Schwierigkeiten geratenen Firmen im Bereich der Informationstechniken und der Energieversorger und deren Zulieferindustrie. Enron und Worldcom sind nur 2 aktuelle Beispiele für diese Entwicklungen.

Die negativen Seiten dieser ökonomisch und politisch getriebenen Entwicklungen sind lange Zeit vor allem auf dem Rücken der Privatwirtschaft und deren Mitarbeiter ausgetragen worden, langsam greifen die Auswirkungen aber auch auf bislang geschützte Bereiche über, dazu gehören nicht zuletzt Institutionen, die in der Einfluss-Sphäre des Staates stehen, wie z.B. Post und Bahn, aber auch die Universitäten.
Diesen für die betroffenen Menschen schwierigen Folgen der Veränderungen stehen andererseits positive Entwicklungen gegenüber - es hat noch nie so viele neue Berufsbilder und neue Beschäftigungsmöglichkeiten gegeben wie jetzt, diese verlangen allerdings von den im Beruf stehenden eine wesentlich höhere Flexibilität und Mobilität als das bisher der Fall war.

Auch die Universitäten sind gefordert, neue Wege zu gehen. Gerade in diesen Tagen wird ein Gesetz verabschiedet, das wesentliche Veränderungen für die österreichischen Universitäten bewirken wird. Ich wünsche der TU Graz den Weitblick, die Vorteile der neuen Regelungen zu erkennen und den Mut, diese umzusetzen.
Wenn ich überhaupt etwas gelernt habe aus den umwälzenden Neuerungen in meiner eigenen Umgebung, dann jenes, dass man bei Veränderungen seine Energie in erster Linie zur Nutzung der neuen Möglichkeiten verwenden soll und nicht zur Aufrechterhaltung des bisher Gewohnten.

Immer wieder werde ich danach gefragt, was denn die Wirtschaft von den Abgängern der TU erwartet, welches Anforderungsprofil sie vorgibt. Es gibt jedoch nicht das Anforderungsprofil, es gibt viele Anforderungsprofile, die sich über der Zeitachse ständig ändern, wie auch die Wirtschaft ständigen Änderungen unterworfen ist. M.E. gibt es daher auch heute keine richtige Antwort auf die Frage, was in 5-7 Jahren in qualitativer und quantitativer Hinsicht gebraucht wird, zu unterschiedlich sind die Anforderungen jedes Unternehmens, zu rasch ändern sich die Gegebenheiten. Ich denke, dass hier in der Fragestellung ein anderer Zugang gefunden werden muss und die richtigen Antworten nur im ständigen Dialog zwischen Wirtschaft und Universität gefunden werden können. Gerade an dieser Uni ist diese Bereitschaft zum Dialog in hohem Maße gegeben.

In der Frage des richtigen Ausbildungsprofils gehen die Ansichten m. W. weniger in den fachlichen Richtungen auseinander als in den Grundsatzfragen "Verschulung versus freier Wahl der Ausbildung" oder "Generalisten versus Spezialisten". Ich selbst neige hier stärker zum Generalistentum und gegen die Verschulung. Die Wirtschaft ist sich in diesen Fragen aber keinesfalls einig, zu schwer wiegt die vordergründige Kostenfrage und es ist nun mal ein Faktum, dass das bestehende Ausbildungssystem der Universitäten im Vergleich zu anderen Varianten eine sehr lange und damit teure Ausbildungszeit zulässt.
Eine Fortführung der Diskussion scheint mir daher in dieser Frage wichtig zu sein.

Der Absolvent der TU steht heute im Anstellungsgespräch einer früher nicht gekannten Konkurrenzsituation gegenüber. Hat es bislang HTL- und TU-Ingenieure gegeben, so findet man heute zusätzlich die Fachhochschüler, bald auch die Bakkalaureatsabgänger und Master. Aus der Sicht der Wirtschaft eine Bereicherung der Szene - Konkurrenz belebt - und trotz der scheinbar noch ungeordneten Struktur eine deutliche Verbreiterung der Basis des qualifiziert ausgebildeten Nachwuchses. Übrig bleiben hier die Fragen nach der Finanzierbarkeit dieses Ausbildungssystems und seiner Bewährung in der Praxis.

Dass lebenslange Weiterbildung ein Gebot gerade unserer Zeit ist, habe ich eingangs schon hervorgehoben. Was liegt näher, als dafür insbesondere oder auch jene Universität zu nutzen, an der man die wichtigste und konzentrierteste Ausbildung erfahren hat. Die TU Graz bietet dazu eine Fülle von Möglichkeiten, die Sie nutzen sollten. Besonders erwähnen möchte ich bei dieser Gelegenheit auch die ALUMNI Organisation Elite an dieser Universität, an deren Aktivitäten Sie teilhaben sollten und die auch in Ihrem weiteren Berufsleben ein festes Bindeglied zu Ihrer Universität darstellen kann.

Ich habe vorhin Ihnen, den Absolventen zum Abschluss gratuliert.
Mein Dank gilt gleichermaßen aber auch Ihren Eltern, den Lehrenden an dieser Universität und nicht zuletzt der Universität als Gesamtinstitution. Ihnen allen gebührt höchste Anerkennung für die vielen Jahre der Anstrengungen und schlussendlich den Erfolg des heutigen Tages.

Mit der an dieser Universität erworbenen Ausbildung besitzen Sie die bestmöglichen Voraussetzungen für den Beginn Ihrer Berufslaufbahn in der Wirtschaft.
Ich hoffe, dass es Ihren Professoren gelungen ist, in den Studenten das Streben nach der Sinnhaftigkeit des persönlichen Tuns nicht unter all dem Lehrstoff und Wissen zu erlöschen.
Den Eltern wünsche ich, weiter teilzuhaben an der Entwicklung Ihrer Kinder. Die Distanz zwischen Ihnen und Ihren Kindern wird noch größer werden und Sie werden deren Erfahrungen nur noch mit Abstand wahrnehmen. Aber gerade diese Distanz schärft Ihren Blick auf das Wesentliche Ihrer Kinder. Dadurch können Sie künftig zu deren wichtigsten Beratern gehören.
Es liegt kein leichter Weg vor Ihnen, aber es steht nirgends geschrieben, dass der Weg in die Zukunft leicht sein soll, und es macht zufrieden, Schwierigkeiten überwinden zu können.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen guten Anfang für Ihren weiteren Lebensweg.