Festrede von Dipl.-Ing. Dr. Peter Morawek anläßlich Sponsionsfeier Technische Universität Graz

Sehr geehrter Herr Dekan !
Sehr geehrter Herr Studiendekan !
Sehr geehrte Herrn Professoren !
Sehr geehrte Damen und Herrn !

Ich danke Ihnen, Herr Dekan, für die freundliche Einladung, anläßlich dieses akademischen Festaktes, einige Gedanken vortragen zu dürfen. Geehrte Festgäste, Sie, haben sicher Verständnis, daß ich mich in erster Linie an die Hauptpersonen dieser Feier, die erfolgreichen Absolventinnen und Absolventen wende, die hierher gekommen sind, um ihre Ing. - Diplome entgegen zu nehmen.

Sehr geehrte junge Kolleginnen und Kollegen!
Mit dem erfolgreichen Abschluß Ihres Studiums, haben Sie ein wichtiges Ziel in Ihrem Leben erreicht, worüber Sie sich wirklich freuen können. Ich gratuliere Ihnen zur heutigen Graduierung sehr herzlich.
Sie haben sich mit Ihrem Studium eine solide zukunftsorientierte Basis für Ihr Berufsleben erarbeitet. Eine erst jüngst veröffentlichte Vergleichsstudie bestätigt einmal mehr, das hohe Niveau der österreichischen technischen Universitäten. Da die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes künftig noch stärker von der Innovationskraft seiner Unternehmen beeinflußt wird, und damit der Bedarf an gut ausgebildeten Technikern steigt, sind Ihre Berufsaussichten besonders gut.
Sie beenden heute einen Lebensabschnitt, der von einer Vielzahl von Hilfen und Vorgaben begleitet war. Künftig wird die Verantwortung für Ihr Leben, Ihren Berufsweg, Ihre Weiterbildung, Ihre Karriere, zur Gänze auf Ihren eigenen Schultern liegen.
Die Mehrzahl von Ihnen wird die Welt der Wirtschaft betreten, in der Ihre Tätigkeit und Ihr Erfolg nach den von Ihnen erzielten wirtschaftlichen Ergebnissen beurteilt wird.
Dieser Bereich unserer Gesellschaft ist mit wachsender Geschwindigkeit einem ständigen Wandel unterworfen:
Denken wir an die Globalisierung: Während der letzten 20 Jahre, hat sich die Zahl der international tätigen Unternehmen verdreifacht.
Denken wir an die "Informationsgesellschaft": Die heute zur Verfügung stehenden Technologien sind Basis für völlig neue geistige, gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse.
Denken wir an die Halbwertszeit unseres Wissens, die heute in einigen Bereichen bereits unter zehn Jahren liegt, bei gleichzeitiger Verdoppelung des Volumens.
Veränderungen in Wirtschaft und Industrie haben dazu geführt, daß Vieles was gestern noch richtig war, heute falsch ist und umgekehrt.
Auch wird es notwendig sein, einige Perspektiven, die für Ihr Studium gegolten haben, zu revidieren: Eine Leistung am Markt ist heute noch lange nicht gegeben, wenn der Konstrukteur für ein anstehendes Problem eine hervorragende Lösung gefunden hat, sondern erst dann, wenn die gefundene Lösung, im Verhältnis zu den dafür aufzuwendenden Kosten, zum richtigen Zeitpunkt ein Optimum bildet und schließlich der Markt "Hurra" ruft.

Trotz der gewaltigen Veränderungen im Lauf der letzten Jahrzehnte, waren und sind, für mein Leben und Handeln in der Industrie einige Grundprinzipien gleich und gleich wichtig geblieben. Gestatten Sie mir dazu einige persönliche Bemerkungen:
Zunächst muß zur Kenntnis genommen werden, daß im Wirtschaftsleben eine Regel nicht gilt, nämlich: die klassische olympische Regel. Wenn sich ein Unternehmen um einen Auftrag bemüht und schließlich die Silbermedaille gewinnt, also an zweite Stelle zu liegen kommt, oder gar immer wieder nur "dabei war", hat das keineswegs den feierlichen Empfang in der Heimatgemeinde und die Ehrenbürgerschaft, sondern den unvermeidlichen Konkurs und damit das Ende des Unternehmens zur Folge. Um im Wettbewerb bestehen zu können, muß man möglichst oft den ersten Platz erreichen.
Das Wirtschaftsleben ist keineswegs einfach und hat seine Härten. Selbstverständlich werden Sie Schwierigkeiten zu bewältigen haben. Wenn Sie auf solche stoßen, dann sind Sie noch lange kein Pechvogel, sondern erleben nur das normale Berufsschicksal, wie Zehntausende vor und mit Sicherheit auch nach Ihnen. Man kann nicht erwarten, große berufliche Erfolge, ein hohes Einkommen und eine beachtliche Stellung zu erreichen und gleichzeitig ein ruhiges, bequemes und beschauliches Leben ohne Arbeit, Verantwortung und Risiko zu führen.
Nehmen Sie daher Ihr Leben initiativ in die eigenen Hände, um es zu gestalten, um Ziele zu definieren und um diese auch zu erreichen. Es ist nicht richtig, daß im Leben "die Umstände" entscheiden. Im Gegenteil, "die Umstände" sind vielmehr Kreuzungspunkte, an denen wir uns zu entscheiden haben. Dazu braucht es ein hohes Maß an Mut und gesundem Ehrgeiz. Aber, passen Sie Ihren Ehrgeiz den Realitäten an. Streben Sie nicht etwas an, wofür Sie den Preis, den jeder Erfolg fordert, zu zahlen nicht bereit sind.
Nur dann, wenn es gelingt, eine Funktion, Position und Aufgabe zu übernehmen, die mit den eigenen Begabungen und Neigungen möglichst gut übereinstimmt, werden Sie jene unverzichtbare Freude im Beruf finden, ohne die auch der Ingenieur nicht auskommt.
Als Techniker werden Sie im Allgemeinen in einem Team, mit Menschen verschiedenster Ausbildung, Erfahrung und unterschiedlichsten Charakters arbeiten. Und sicher werden viele von Ihnen sehr bald Führungsaufgaben zu übernehmen haben. Halten Sie sich dabei an den Grundsatz, daß mehr Rechte auch mehr Pflichten bedingen. Im täglichen Leben wird, wie wir wissen, von Rechten immer, von Pflichten, - da zur Wahlwerbung schlecht geeignet, - nach Möglichkeit nicht gesprochen.
Machen Sie sich bewußt, daß jeder Mensch Motivation, Vertrauen und Anerkennung braucht, daß jeder seine Stärken - die es zu finden und zu fördern gilt - aber auch seine Schwächen hat. Als Chef haben Sie nach oben und außen die volle Verantwortung für Ihre Mitarbeiter und deren Arbeit. Ebenso zeichnen Sie verantwortlich für alle Entscheidungen und können sich z.B. bei Fehlern nicht hinter Ihren Mitarbeitern verstecken. Keinesfalls sollte man als Führungskraft die eigene, hierarchisch höhere Position mit einer höheren Qualität von Menschsein verwechseln, sondern sich der Verantwortung und Chance, Menschen führen zu dürfen, bewußt sein.
Sehr häufig bekommt man den Eindruck vermittelt, in einer Welt von unfehlbaren Beratern, Weisen und Genies zu leben, deren Vorschläge und Ideen unverzüglich umzusetzen sind. Bewahren Sie einen kühlen Kopf und bilden Sie sich Ihre eigene Meinung. Haben Sie dann auch den Mut, einmal "Nein" zu sagen. Ein rechtzeitiges "Nein" kann im Augenblick Mitarbeiter, Vorgesetzte und Kunden verstimmen. Aber ein "Ja", das Sie dann doch nicht einhalten können oder wollen, wird alle Beteiligten völlig verärgern, Ihnen selbst viel Kummer bereiten und Ihren Kredit vernichten. Haben Sie manchmal wohlbegründet "Nein" gesagt, hat Ihr "Ja" einen besonderen Stellenwert.


Nur ein Mensch, der weder arbeitet, noch zu entscheiden braucht, macht keine Fehler. Ingenieure stehen mitten im Arbeitsleben und machen daher Fehler. Auch Sie werden Fehler machen. Verlieren Sie dabei nicht die Fähigkeit, Kritik anzunehmen und zu überdenken. Noch sollten Sie Schlupflöcher und Notausgänge suchen. Sondern, geben Sie klipp und klar zu, daß ein Fehler geschah und überlegen Sie, wie die Angelegenheit wieder in Ordnung gebracht werden soll. In diesem Zusammenhang muß auch das schöne Sprichwort "Kommt Zeit, kommt Rat" vergessen werden. Mit der Zeit kommt nämlich kein Rat, sondern wir selbst müssen Ihn finden. Und da Zeit im Wirtschaftsleben immer Geld bedeutet, wird mit dem Hinausschieben einer Angelegenheit, alles nur noch teurer.
Nicht zu Unrecht wird der 1716 verstorbene Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibnitz als letztes Universalgenie bezeichnet. Immerhin, er war Philosoph, Mathematiker, Physiker, Jurist und Diplomat. Seit dieser Zeit, vor allem aber während der vergangenen 30 Jahre laufen wir Gefahr, daß unsere Gesellschaft mehr und mehr aus Nur - Spezialisten besteht. Auch Sie tragen nun am Ende Ihres Studiums einen großen Wissens- und Ideenvorrat, vor allem Ihrer Studienrichtung, mit sich. Erweitern und pflegen Sie daher möglichst viel an Wissenswertem, was von außerhalb Ihrer Studienrichtung auf Sie zukommt. Sie werden Ihren beruflichen Weg im allgemeinen im erlernten Fachgebiet beginnen. Die Wahrscheinlichkeit, daß Sie sich im Laufe Ihres Lebens, in gänzlich anderen Arbeitsgebieten zu bewegen haben und daher Wissen aus anderen Bereichen brauchen, wird aber ständig größer.
In den 14 Mitgliedsstaaten der europäischen Union werden 13 unterschiedliche Sprachen gesprochen. Mit jedem weiteren Mitgliedsland (ausgenommen der Schweiz) kommt mindestens eine weitere Sprache dazu. Englisch ist im Lauf der vergangenen Jahre zur allgemein verwendeten Konferenzsprache geworden und Voraussetzung für Veröffentlichungen in allen Forschungs- und Entwicklungsgebieten. Wollen wir die eigenen vier Wände verlassen, so haben wir uns dieser Herausforderung zu stellen. Beispielsweise ist in dem Unternehmen, in dem ich arbeite, Englisch die Konzernsprache. Auf Grund meiner derzeitigen Aufgabe ist es notwendig, freilich reichlich spät, zusätzlich Ungarisch zu lernen.
Bewahren Sie sich, neben Wissen und Bildung, neben Spezialistentum und Universalität, Ihren Hausverstand. In vielen schwierigen Situationen, in denen man, auch aus Angst, erlernte und gewohnte Denkweisen nur ungern verläßt, werden Sie ihn hervorragend brauchen können.

Und schließlich, meine Damen und Herrn vergessen Sie nicht den Humor, das Lachen. In den meisten Unternehmen wird kaum oder viel zu wenig gelacht, nach dem Motto: Der Ingenieur darf ein Herz haben, freilich selten und natürlich nur in der Freizeit. Ich will nicht dazu ermuntern, Mitmenschen und Probleme lächerlich zu machen. In vielen Situationen, - auch bei Ärger - gibt es wesentlich humorvollere und daher gesündere Alternativen, als wir sie täglich erleben.
Ich habe versucht, Ihnen einige Erfahrungen zu vermitteln, die für meinen beruflichen Weg wichtig waren, um Ihnen zu zeigen, wie vielfältig und interessant die Anforderungen sind, die im Wirtschaftsleben auf Sie zukommen.
Sind Sie sich daher einerseits der Bedeutung der Berufsbezeichnung "Ingenieur" bewußt, die vom lateinischen "ingenium", Begabung, Fähigkeit, Erfindergeist, abgeleitet wurde. Bedenken Sie andererseits den Satz des spanischen Philosophen Ortega y Gasset aus seinen 1949 erschienenen "Betrachtungen über die Technik":
Mögen die Techniker erkennen, daß es - um Techniker zu sein - nicht genügt, Techniker zu sein.

Zum heutigen Tag nochmals die herzlichen Glückwünsche und alles Gute. Für die Zukunft wünsche ich Ihnen viel Freude an Ihrem Beruf.