Festrede von Dipl.-Ing. Peter Reichel, Geschäftsführer des OVE anlässlich der Sponsionsfeier am 4. Mai 2005 an der Technischen Universität Graz

Spektabilitäten, verehrtes Professorenkollegium, sehr geehrte Absolventinnen und Absolventen, geschätzte Festgäste!

Es ist mir eine besondere Ehre und Freude, heute anlässlich Ihrer Sponsion die Festrede halten zu dürfen und ich möchte mich sehr herzlich für die Einladung dafür bedanken.

Wenn Sie heute hier mit der Verleihung des akademischen Titels Diplomingenieur Ihre Ausbildung abschließen, so ist das gleichzeitig auch der erfolgreiche Abschluss Ihres ersten mittelfristigen Projekts. Sie haben mit der Wahl eines ingenieurwissenschaftlichen Studiums eine nicht gerade einfache Aufgabe gewählt und diese durch entsprechende Selbstorganisation, der Festlegung von Ausbildungsschwerpunkten und zeitlichem Ablauf, also den wesentlichen Merkmalen von angewandtem Projektmanagement erfolgreich abgeschlossen.

Die dabei erworbenen, Ihnen vielleicht teilweise gar nicht bewussten Fähigkeiten unterscheidet aus meiner Sicht ein universitäres Studium neben seiner formal wissenschaftlich basierten, systemorientierten Ausbildung von allen anderen tertiären Ausbildungsformen. Der dafür verliehene Titel Diplomingenieur ist ein international anerkanntes Markenzeichen für ein hohes Ausbildungsniveau, mit dem auch eine einheitliche Wahrnehmung eines Berufsstandes in der Gesellschaft verbunden ist.

Der Titel Diplomingenieur sollte daher auch weiterhin als Abschlusstitel erhalten bleiben. Dies scheint mir umso erwähnenswerter, als unser tertiäres Bildungssystem entsprechend dem Bologna-Prozess einer grundlegenden Neuorientierung unterworfen wird.

Die einheitliche Gliederung aller tertiären Ausbildungsmöglichkeiten in Bakkalaureate und Masterstudien führt zwar einerseits zu einem durchgängigen europäischen Bildungssystem, mit der Möglichkeit eines international angelegten Studiums mit entsprechenden Anrechnungs-möglichkeiten.

Es führt aber auch dazu, dass durch diese zumindest formale Angleichung eine Vielzahl von Bakkalaureaten und Masterstudiengänge an Fachhochschulen und Universitäten angeboten werden, deren unterschiedliche Ausbildungsqualität zumindest anfangs nur schwer zu differenzieren sein wird.

Auch die Beantwortung der Frage nach „berufsbefähigten Bakkalaureaten“ oder eher universell ausgebildete Bakkalaureate, die eine berufsspezifische Ausbildung im Laufe ihrer Masterstudien erhalten, wird eine interessante werden.

Eines scheint mir aber wesentlich, nämlich dass die Universitäten ihr Ausbildungsniveau beibehalten, und ich darf hiezu Prof. Dr. HERRMANN von der TU München zitieren, der in einem Interview der VDI-Nachrichten dazu ausführte: „Es ist nicht primäre Aufgabe der Universitäten, Abschlüsse auf niedrigem Niveau zu generieren und damit die forschungsnahe Ausbildung zu vernachlässigen. Ich wehre mich, den Bakkalaureus als Regelabschluss einer Universität zu etablieren. Wäre es so, dann verfehlten die Universitäten ihre Mission.“

Neben dieser Neuorganisation der Studien hat in Österreich auch die Schaffung einer Eliteuniversität die Diskussion in den letzten Monaten belebt. Wenngleich aus heutiger Sicht noch viele Fragen dazu offen sind, glaube ich doch, dass ein Spitzenforschungsinstitut für die österreichische Forschungsszene belebend wirkt.

Die Schaffung einer derartigen Institution darf aber nicht dazu führen, dass den bestehenden Universitäten wesentliche Mittel für Forschung und Lehre entzogen werden, da damit das anerkannt hohe Bildungsniveau, insbesondere der Technischen Universitäten, gefährdet würde. Vielmehr scheint hier der deutsche Weg zielführend, wonach aufbauend auf bestehenden Strukturen im universitären Bereich einige wenige Eliteuniversitäten verwirklicht werden sollen.

Nach Abschluss Ihres Studiums werden einige von Ihnen die wissenschaftliche Laufbahn einschlagen, die mehreren aber in die Berufswelt der Wirtschaft eintreten. Ich möchte Ihnen daher ein paar persönliche Gedanken mit auf Ihren zukünftigen Weg geben.

Die wirtschaftliche Entwicklung in den vergangenen 15 Jahren ist durch eine historisch beispiellose Internationalisierung und Globalisierung geprägt, deren Auswirkungen sowohl in Europa als auch in den so genannten Hoffnungsmärkten der Zukunft hinlänglich bekannt sind. Möglich gemacht wurde diese Entwicklung vor allem durch zwei wesentliche Faktoren:

- Der Informatisierung der Arbeit, die es mit sich bringt, dass Information praktisch beliebig zu jeder Zeit an jedem Ort verfügbar ist und so die Basis für die heute in hohem Maße bestehenden Netzwerke internationaler Produktionsverbände bildet, in denen interdisziplinär, unternehmensübergreifend und in virtuellen Gruppen zusammengearbeitet wird.

- Vernachlässigbare Transportkosten und Reisekosten, daneben natürlich auch die unterschiedlichen Sozial- und Umweltstandards.

Die EU hatte sich das Ziel gesetzt, bis 2010 die wettbewerbsstärkste wissensbasierte Region im globalen Wettbewerb zu sein, diese Ziele wurden als Lissabonziele bekannt. In Anbetracht der zunehmenden De-Industrialisierung Europas wurde die Diskrepanz zwischen diesem Ziel und der Realität schließlich so groß, dass dieses Ziel vor kurzer Zeit offiziell aufgegeben wurde.

Mehr als 5 Millionen deutsche Arbeitslose und die höchste Arbeitslosenrate Österreichs nach dem 2. Weltkrieg sprechen hier eine deutliche Sprache. Zwei Zahlen aus der Elektro- und Elektronikindustrie sollten dies verdeutlichen.

Waren im Jahr 2000 noch knapp 65.000 Personen in der Elektro- und Elektronikindustrie beschäftigt, so sank die Beschäftigtenzahl bis Ende 2003 auf 56.000, im Jahr 2004 hat sich diese Zahl nach ersten Schätzungen stabilisiert bis leicht zugenommen.

Diese Tatsachen sind Ihnen sicher bekannt, die Frage ist, was dagegen tun. Aus meiner Sicht geht es darum, faire Bedingungen zu schaffen. Produktionen in Ländern wie China oder Indien sind vor allem deswegen billiger, weil soziale, arbeitsrechtliche und umweltpolitische Bedingungen weit unter dem österreichischen und EU-Standard liegen, die $ - €-Parität begünstigt diese Länder zusätzlich.

Das führt teilweise dazu, dass Produktionsstätten in Österreich trotz guter Konjunkturentwicklung geschlossen und ins Ausland verlagert werden. Es gilt daher, eine konsistente, europäische Wirtschafts- und Industriepolitik einzufordern, die explizit auch auf den Erhalt von Produktion in Europa und damit natürlich auch in Österreich ausgerichtet ist.

Sonst besteht die Gefahr, daß Europa nicht nur die Kompetenz im Bereich der industriellen Produktion verliert sondern mittelfristig auch einen beträchtlichen Teil der applikationsorientierten, industriellen Forschung aus der Hand geben würde.

Sehr geehrte Absolventinnen, sehr geehrte Absolventen, Sie sind durch Ihre Ausbildung befähigt, mittelfristig Führungspositionen zu übernehmen und damit Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung nehmen zu können, sei es im Betrieb selbst, sei es im Rahmen von Verbänden oder übergeordneter Lobbyingaktivitäten auf die Rahmenbedingungen insgesamt.

Sie werden damit aber nicht nur für Unternehmen und deren Umsätze, Produktinnovationen und Gewinne verantwortlich sein, sondern vor allem auch für Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nehmen Sie auch diese Verantwortung ernst, Entwicklungen wie Soziale Verantwortung von Unternehmen (Corporate Social Responsibility) mit Leben zu erfüllen und die wirtschaftliche Entwicklung gesamtheitlich zu betrachten.

Seien Sie offen für konstruktive Kritik und agieren Sie in Netzwerken zur Durchsetzung überbetrieblicher und überwettbewerblicher Forderungen für bessere Rahmenbedingungen.

Wo immer Sie Ihr berufliches Schicksal hinführen wird, übernehmen Sie die Ihnen übertragene Verantwortung, seien Sie offen für Neues ohne kritiklos zu sein bemühen Sie sich um eine ganzheitliche Sichtweise und bleiben Sie Ihrer Ausbildungsstätte, der TU Graz treu.

Ich möchte mit einem Zitat von Henry Mintzberg von der kanadischen McGill University in Montreal enden, der sagte: „Die amerikanische Industrie wurde ebenso wie die deutsche von Ingenieuren aufgebaut. Heute bilden die USA keine amerikanischen Ingenieure mehr aus. Dafür ist das Land voll mit Leuten ohne substanzielle Ausbildung aber mit einem MBA-Abschluss, die alle nur managen wollen. Wenn Deutschland denselben Weg geht und auf seine fundierte Ausbildung verzichtet, dann verliert es seinen Wettbewerbsvorteil und schwächt seine Wirtschaft.

Sehr geehrte Damen Und Herren, Sie haben ein ingenieurwissenschaftliches Studium auf einer international anerkannten Technischen Universität erfolgreich abgeschlossen und damit die besten Voraussetzungen für ein interessantes und spannendes Berufsleben mit vielfältigen Optionen erworben.

Ich wünsche ich Ihnen persönlich alles Gute, viel Erfolg für Ihre berufliche Laufbahn und danke für Ihre Aufmerksamkeit.