Festrede von Baurat h.c. Dipl.-Ing. Dr. techn. Herbert SCHRÖFELBAUER, Vorsitzender des Vorstandes der VERBUND-Austrian Hydro Power AG anläßlich der Sponsionsfeier am 24.10.2002 an der Technischen Universität Graz

Eure Spektabilität, sehr geehrte Herren Professoren, liebe junge Kolleginnen und liebe junge Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren!

Sie alle sind heute zu dieser Festveranstaltung anläßlich des Abschlusses des Studiums unserer jungen Absolventen gekommen, um diesen Tag in Ihrer Erinnerung als denkwürdig zu erhalten.

Und denkwürdig ist dieser Tag auch in der Tat für jeden Einzelnen von Ihnen als Beendigung eines Lebensabschnittes der Sammlung von Wissen und des Beginns eines neuen, in dem Sie dieses Erworbene zum Nutzen der Gesellschaft einsetzen und es zugleich auch vermehren werden.

Lassen Sie mich zu Beginn meiner kurzen Rede einige Zeilen des indischen Dichters Rabindranat Tagore stellen:

„Ich schlief und träumte: Das Leben ist Freude.
Ich erwachte und sah: Das Leben war Pflicht.
Ich arbeitete und siehe: Die Pflicht war Freude“

Mit dem Überschreiten der Schwelle zum 3. Jahrtausend liegt vor uns eine Zeit, die durch große globale Herausforderungen verbunden auch mit Wandel und Unsicherheit, vor allem aber durch eine große Dynamik aller Veränderungen gekennzeichnet ist.

Die Unternehmen im engeren und alle Institutionen, in denen Menschen - sei es produktiv, sei es als Dienstleistung - tätig sind, im weiteren Sinne, werden vermehrt mit Veränderungen technologischer, wirtschaftlicher, ökologischer, soziologischer und politischer Art konfrontiert werden.

Die strategische Herausforderung an die darin wirkenden Menschen wird in der Bewältigung des Unerwarteten liegen. Die klassischen Planungsmethoden werden vielfach nur eine geringe Hilfe sein. Das Unerwartete läßt sich damit nicht in den Griff bekommen. Mit Sicherheit wissen wir nur, daß die Intuition und Kreativität im Management-Prozeß eine wichtige Rolle spielen werden.

Auf die immer wieder gestellten Fragen
• wie können wir in der durch Unsicherheit geprägten Zukunft überleben,
• worauf wird es dabei besonders ankommen,
• was müssen wir konkret tun,
können wir nur dann Antworten finden, wenn zuvor eine klare Antwort auf die Kernfrage „Was macht unternehmerische Lebenskraft aus“ gefunden wird.

Die drei Grundbedingungen für die unternehmerische Lebenskraft sind das Vorhandensein
• einer unternehmerischen Vision,
• des unternehmerischen Vorwärtsdranges und
• der unternehmerischen Lernfähigkeit.
Der Kern der Aussage liegt in der unternehmerischen und somit in der persönlichen Lernfähigkeit. Konrad Lorenz sagt dazu: „Leben ist Lernen“.

Das unternehmerische Lernen ist die bewußte und methodische Verarbeitung der Wirklichkeit. Nur die anpassungsfähigen, die flexiblen, also die lernenden Unternehmen werden überleben und wachsen. Die Sicherung der Lernfähigkeit muß daher einen zentralen Stellenwert im unternehmerischen Denken und Handeln haben. Die ehrliche Einschätzung der eigenen unternehmerischen Lernfähigkeit jedes Einzelnen ist dabei der erste wichtigste und notwendige Schritt.

Die Rolle der Führungskräfte - und Sie alle, meine Damen und Herren Absolventen, sind dazu ausersehen, die künftigen Führungskräfte zu sein - ist durch eine allgemeine und eine besondere strategische Führungsaufgabe gekennzeichnet.

Ob Vision, Vorwärtsdrang oder Lernfähigkeit, die Führungskräfte sind die unentbehrlichen Motoren für die Gestaltung von Visionen, für die Sicherung der unternehmerischen Lebenskraft. Diese Aufgabe ist die allgemeine strategische Aufgabe für alle Führungskräfte auf allen hierarchischen Ebenen.

Die besondere strategische Aufgabe heißt: Sicherung des Funktionierens von beschlossenen Strategien und Veränderungen. Eine Strategie ist nur so gut, wie die Umsetzung gelingt. Tatsächlich sind die meisten Fehlschläge von Strategien auf mangelhafte Umsetzung zurückzuführen, daher werden Sie auch hier bei der Sicherung des Funktionierens von Strategien und Veränderungen als unentbehrliche Motoren gebraucht.

Eine Erkenntnis aus der Organisationspsychologie lautet: Keine organisatorische Veränderung kann rascher vor sich gehen, als es die beteiligten und betroffenen Menschen wollen oder können. Angeordnet ist noch nicht bewirkt. Eine Strategie ist erst dann durchgesetzt, wenn die gewollte Wirkung erzielt wurde. Ein Konzept ist nur ein Abbild des Zieles, das wir erreichen wollen.

Der Mann, der Chrysler vom Bankrott wieder zu einem profitablen Unternehmen geführt hat, hat einmal auf die Frage nach seiner größten Befriedigung gesagt, seine Befriedigung ist eine Kombination von harter Arbeit und riesigen Träumen. Gute Führungskräfte haben klare Visionen und können diese an ihre Mitarbeiter weitergeben. Professionelle Pessimisten sind als Führungskräfte ungeeignet.

Wirksames Führen ist nur mit Autorität möglich. Wobei nicht die alte Autorität, die vornehmlich mit den Mitteln der Anordnung und des Befehles arbeiteten, gemeint ist, sondern eine Neue: Mit anerkannter Kompetenz die strategischen Führungsaufgaben der Sicherung des Unternehmens zu erfüllen. Diese Autorität muß Visionen geben können, für Vorwärtsdrang sorgen und die Lernfähigkeit im ganzen Unternehmen gewährleisten können.

Die Führungskraft, der man das glaubt, von der man das erlebt, der schenkt man Vertrauen, die hat die für wirksames Führen so wichtige Autorität im Sinne von Einfluß.

Tom Peters schreibt in seinem Buch „Kreatives Chaos“ über die neue Management-Praxis, daß wir alles in Frage stellen, alles ändern, alles verbessern müssen. Dies bedeutet, daß die Freude eines jeden Einzelnen zum Wandel und damit die Fähigkeit, Veränderungen vorzunehmen erhöht werden muß.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, nach soviel grauer Management-Theorie erlauben Sie mir noch ein paar ergänzende Worte zu den sich für Sie aus Ihrer Berufsausbildung bietenden Chancen:
Wir stehen mitten im Zeitalter der Telekommunikation und der Informationstechnologien. Unser Wirtschaftsleben wird zunehmend von den neuen Möglichkeiten geformt. Der effiziente Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien wird zu einem Kernelement des zukünftigen Erfolges von Unternehmen, Regionen und Ländern. Die Vernetzung klassischer Kompetenzen mit den neuen Technologien und Einsatz motivierter und engagierter Mitarbeiter (im Sinne von „Mitunternehmer“) sind wesentliche Erfolgsfaktoren.

Eine der größten Herausforderungen wird die Lösung des Energieproblems sein. Weltweite Verteilungsproblematik, das Ungleichgewicht zwischen der Ersten und der Dritten Welt und das Klimaproblem sind zu lösen. Dynamische Veränderungen und ein hoher Anpassungsbedarf aller werden auf uns zukommen.

Weltweit erwarten sich die Menschen eine Reihe von Verbesserungen und Vereinfachungen im täglichen Leben, durch das Internet wird so etwas wie ein transparenter globaler Markt geschaffen. Durch E-commerce werden neue Produkte und Dienstleistungen möglich. Bürokratische Hürden und Hemmnisse durch Grenzen werden abgebaut und die Wirtschaft wird durch Unternehmensgründungen, rasches Wachstum neuer Unternehmen aber auch durch Verdrängung alter Bereiche geprägt werden.

Damit wird zunehmend eine globale Verantwortung für die ökologische und soziale Entwicklungen erforderlich, um bei dieser raschen Entwicklung nicht ungewollte Nebeneffekte zu erreichen.

Gerade im Bereich der „Energietechnik“ stehen noch anspruchsvolle Aufgaben bevor, wenn wir davon ausgehen, daß unsere Standards und Ansprüche weltweite Verbreitung erfahren. Vor dem Lichte der aktuellen Klimaschutzdiskussion wird dies eine Aufgabe für die Zukunft, die höchste technische, ökologische und ökonomische Anforderungen stellt. Sie haben das Rüstzeug auf der Universität bekommen, mitzuhelfen, all diese Probleme einer Lösung zuzuführen.

Ich gratuliere Ihnen zum Abschluß Ihres Studiums und wünsche Ihnen für Ihre Berufslaufbahn viel Erfolg. Beachten Sie bitte bei der Ihnen in Zukunft zukommenden Führung von Mitarbeitern, daß der Mensch nicht als einfacher Zweipunktregler aufgefaßt werden kann, sondern als sehr komplexes System.

Entwickeln Sie daher die Fähigkeit Techniker und Mensch zu sein und beherzigen Sie einen Ausspruch, den Saint Exupery formuliert hat:
„Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht die Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeiten einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten Meer“.


Glück auf!