Festrede von Dipl.-Ing. Gottfried Schuster anläßlich Sponsionsfeier Technische Universität Graz

Sehr geehrter Herr Dekan!
Meine Herren Magnifizenzen!!
Sehr geehrte Ehrengäste!
Liebe - ehemalige - (Studentin und) Studenten!

Vorerst möchte ich mich recht herzlich dafür bedanken, daß Sie mich zu diesem besonderen Anlaß nach Graz eingeladen haben. Es ist mir nicht nur eine große Ehre, sondern insbesondere eine Freude, da ich mich der TU in Graz aufgrund regelmäßiger Kontakte sehr verbunden fühle. Eine Nähe im Gegensatz zu der oft nachgesagten Distanz von Wissenschaft und Praxis, die für beide Seiten vorteilhaft ist. Diese Nähe zeigt sich letztendlich darin, daß unser Unternehmen viele Absolventen dieses Hauses zwischenzeitlich zu seinen geschätzten Mitarbeitern zählt.

Sie, sehr geehrte Jungakademikerinnen und Jungakademiker, haben mit dem heutigen Festakt einen wesentlichen Grundstein für Ihr künftiges Leben gelegt, wozu ich Ihnen sehr herzlich gratulieren möchte. Zwar ist Ihre intensive Lern- und Forschungszeit an der Universität nun vorbei - sofern Sie sich nicht für eine wissenschaftliche Laufbahn entschieden haben - das Lernen als solches wird Sie jedoch Ihr ganzes Leben begleiten. Glauben Sie mir, ich spreche aus Erfahrung. Als ich mein Studium beendete, kamen gerade die ersten integrierten Schaltkreise auf den Markt. Nun, gerade Sie wissen, daß die Entwicklung auf diesem Gebiet in den letzten Jahrzehnten rasant war und die damalige Technologie nunmehr im Museum zu bewundern ist. Trotzdem hat man mit dem Abschluß des Studiums einen Grad der Ausbildung erreicht, auf den man aufbauen kann und auf den Sie mit recht Stolz sein können und mit Ihnen auch Ihre Familien, die Ihnen sicherlich über manches Tief hinweggeholfen haben.

Sie gehören nun zu jener Gruppe von Menschen, die mit Ihrem erworbenen Wissen und Ihrer Kompetenz auch ein hohes Maß an Verantwortung übernommen haben. Verantwortung in Ihrem künftigen Beruf, gegenüber den Menschen, die Ihnen vielleicht anvertraut werden, Verantwortung aber auch gegenüber der Gesellschaft. Dazu bedarf es an Charakter, den man sich auch im heutigen Wettbewerb bewahren sollte.

Noch etwas sollten Sie niemals aufgeben - Ihre Visionen: Gerade diese Universität hat mit Forschern wie Otto Nußbaumer, Ferdinand Wittenbauer, Nikola Tesla und Richard Zsigmondy, um aus der Historie dieses Hauses einige zu nennen, bewiesen, dass man an seine Visionen glauben muß, um neue Realitäten zu schaffen.

Das kann man nur, wenn man bereit ist, neue Lösungen zu suchen, Bestehendes in Frage zu stellen, sich mit den Anforderungen des Morgen auseinanderzusetzen, um die Weichen dafür heute stellen zu können. Die Beschäftigung mit der Zukunft ist nicht nur äußerst interessant, sondern das Wichtigste überhaupt, oder, übertrieben ausgedrückt, das Überlebensnotwendige.
Die Zukunft muß nicht nur erdacht, sie muß auch erbaut werden.

Ich glaube, gerade Sie als Techniker nicht allzusehr überzeugen zu müssen, daß diese Hinwendung zum Neuen und Anderen keine Last, sondern etwas sehr Spannendes sein kann. Durch den Bedarf des Marktes wird insbesondere unser Berufsstand in immer kürzeren Zeitabständen gefordert, innovativ zu sein und neue Herausforderungen anzunehmen. Das betrifft auch Wissensinhalte von Nachbardisziplinen bis hin zu - im heutigen Geschäftsleben unbedingt erforderlich - betriebswirtschaftlichen Kenntnissen.

Wenn wir schon vom permanenten Lernen und von der Zukunft sprechen, stellen sich aus meiner Sicht drei treibende Kräfte, die ein Berufsleben heute nenneswert beeinflussen:
  • das permanent anwachsende Wissen,
  • die nformations-Technologie
  • der Wettbewerb in liberalisierten Märkten
Wissen ist im letzten Jahrzehnt ohne Zweifel als der wichtigste Rohstoff unseres Wirtschaftssystems anerkannt worden. Seit Beginn der 90er Jahre wird der Bedeutung des Wissens als wertschöpfende Größe ein ungeheurer Zuwachs an öffentlicher Zuwendung und Aufmerksamkeit gewidmet. Wissenschaft, Lehre, Literatur und Management haben den "Vierten Produktionsfaktor" in unsere Alltagssprache eingeführt.
Der richtige Umgang mit Wissen ist damit zu einer Überlebensfrage geworden.
Die Entwicklung des menschlichen Wissens trägt exponentielle Züge: Nach Erfindung der Druckerpresse dauerte es mehr als 300 Jahre, bis sich das weltweite Volumen der verfügbaren Informationsmedien zum ersten Mal verdoppelte. Heute erfolgt eine solche Verdoppelung nahezu alle fünf Jahre.

Daher ist es auch nur schlüssig, daß sich das Profil der Tätigkeiten in den Industriestaaten permanent in Richtung wissensintensiver Berufe verschiebt. Für die USA wird geschätzt, daß bereits 60% aller Mitarbeiter "Wissensarbeit" verrichten und vier von fünf Arbeitsplätzen aus den sogenannten wissensintensiven Industrien stammen. Der Trend vom Handwerker zum "Kopfwerker" hält also an, und sein Ende ist nicht abzusehen.

Diese Entwicklung ist auch an den Börsen der Welt abzulesen, wo zahlreiche know how-intensive Unternehmen in den vergangenen Jahren spektakuläre Erfolge erzielt haben. So übertrifft heute die Börsenkapitalisierung des Softwareherstellers SAP jene von VW, jene von Netscape die von APPLE, jene von MICROSOFT die von BOEING oder KODAK. Die bloße Größe ist offensichtlich immer weniger der alleinige Maßstab für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Unternehmens .

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
obwohl heute bereits Realität, werden diese Veränderungen von den Menschen ausgesprochen unterschiedlich wahrgenommen. Für die einen ist diese neue Dynamik Bedrohung, für die anderen Chance. Sie ist für die einen der Weg in eine Welt ohne klare Strukturen, vielleicht sogar in eine Welt des Chaos, während sie für die anderen mehr Bewegung bedeutet, mehr Beweglichkeit, mehr Kreativität und mehr Innovationsfreude.

Das erwünschte Ergebnis der Verarbeitung von Wissen ist die Innovation.
Innovativ kann nur derjenige sein, der neben dem kreativen Element auch über das notwendige know how und über die passende Umgebung verfügt. Am Anfang steht eine Idee oder eine Erfindung - damit sie allerdings zur Innovation werden kann, muß sie umgesetzt und in weiterer Folge vom Markt akzeptiert werden. Sie ist daher ebenso visionäre Kraft wie das Ergebnis nüchterner, hochqualifizierter Arbeit.

Ineben dem rasch wachsenden Wissen sind wir heute durch die Revolution am Informationssektor geprägt. Die totale Vernetzung der Welt hat uns den Sprung ins Informations-Technologie-Zeitalter ermöglicht. Informationen sind zu jeder Zeit, von jedem Ort und zu allen Themen abrufbar. Bei Bedarf von noch detaillierterem Wissen können Sie in Internet News Groups Experten befragen, mit Ihnen diskutieren, egal, wo sich diese auf der Welt aufhalten. Falls Sie gerne sehen möchten, wie Ihre Gesprächspartner aussehen, ist auch dies kein Problem mehr.

Noch stehen wir in der Nutzung dieser Medien am Anfang, viele Potentiale sind noch gar nicht oder wenig erschlossen. Denken Sie nur an E-Commerce - bloß ein geringer Prozentsatz des Geschäftes wird derzeit online abgewickelt. Bei einer größeren Dichte an Internet-Zugängen der Haushalte wird der online-Einkauf von Consumer-Produkten so selbstverständlich werden wie heute das Telefonieren. Weltweit einholbare Informationen über Firmen und Produkte, weltweite Preisvergleiche, Liefer- und Servicemöglichkeiten werden die Wirtschaft transparent machen, dem Einkauf bzw. dem Konsumenten zu einer neuen Macht verhelfen.

Übrigens Macht - der Einsatz elektronischer Medien wird nicht nur das wirtschaftliche sondern auch das gesellschaftliche und politische Leben der Menschen verändern. Die Überwindung von räumlichen und zeitlichen Distanzen ermöglicht neben weltweiter Kommunikation entsprechendes Lobbying.

Die unbeschränkte Kommunikation und Information eröffnet viele Möglichkeiten. Sie selbst haben sicherlich schon die Homepages anderer Universitäten besucht, oder über das Internet bestimmte Fachthemen recherchiert, an virtuellen Diskussionen teilgenommen.

Erst vor kurzem habe ich gelesen, daß die Studentenheime in Graz nunmehr ans Datennetz der Grazer Universitäten angeschlossen sind, unbeschränkten Internet-Zugang haben - damit besteht ein virtueller Campus, dessen Nutzung nicht nur zur Wissensvermittlung, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht von Bedeutung ist. Denn mit der Überwindung räumlicher Distanz wurde ein Mehrfachnutzen erzielt, der auf den ersten Blick in seinem Ausmaß vielleicht gar nicht erkennbar war.
So geht es uns auch mit dem Internet - das individuelle Zusammenstellen von Lehrinhalten aus verschiedenen Quellen durch den Vortragenden oder den Studierenden, der permanente Einsatz zur Informationsbeschaffung, zur Weiterbildung und Kommunikation - mit dem Internet sind all dem keine Grenzen gesetzt. Diese Grenzenlosigkeit ermöglicht leider auch einen Mißbrauch.
Das uneingeschränkte Vertrauen auf permanenten Erfolg in diesem Medium ist auch nicht gerechtfertigt. Es ist wie zur Zeit des Goldrausches - viele versuchen ihr Glück, aber nur wenige Dotcoms werden überleben.

Die dritte treibende Einflußgröße, auf die ich Ihr Augenmerk richten möchte, ist die Liberalisierung der Märkte. Die Kräfte am Markt wirken frei im Wettbewerb. Der Verbraucher kann entsprechend dem Angebot nutzenoptimiert entscheiden. Nach der Telekommunikationsbranche wurde im Vorjahr auch der Energiemarkt neu gestaltet. Bestehende Strukturen wurden zerschlagen, neue geschaffen. Dieser Prozeß ist im Fluß- wir können es täglich in den Medien verfolgen, daß strategische Allianzen auf nationaler wie internationaler Ebene neu gebildet werden. Die Auswirkungen sind nicht immer nur positiv, man denke an die kommunizierten Rationalisierungspotentiale auf Mitarbeiterseite. Und ob letztendlich der Verbraucher wirklich einen Preisvorteil lukriert oder sich nach diesen Konzentrationsprozessen nicht eher in einem oligopolistischen Markt befinden wird, wo die Anbieter ein gewisses Diktat ausüben, bleibt abzuwarten.

Und diese Entwicklung spielt sich vor dem Hintergrund ab, wo elektrische Energie in unserem Leben zu einer wesentlichen Grundlage geworden ist. Führen Sie sich nur einen normalen Tagesablauf vor Augen. Aufwachen durch den Radiowecker, Aufdrehen des Lichts, Benutzen elektrischer Geräte zum Vorbereiten des Frühstücks; der Weg in die Arbeit, dann im Büro - Kommunikation mittels unzähliger Medien; Gebäudetechnik, Klimaanlagen, Verkehrssysteme ... die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen. Ohne Energie würde unser modernes Leben ganz schön aus den Fugen geraten. Elektrische Energie hat eine Schlüsselrolle eingenommen. Eigentlich sind wir damit abhängig geworden.

Doch gerade darin liegt wiederum die Chance auf Veränderung, auf Neues. Derzeit ist der Strom aus erneuerbaren Energien im Vergleich zu konventionell erzeugter Energie zum Teil noch nicht konkurrenzfähig. Um Menschen in Entwicklungsländern nicht nur ein bloßes Überleben sondern auch einen gewissen Lebensstandard zu ermöglichen, ist ein Mindestmaß an Versorgung mit Energie sicherzustellen. Gerade in Entwicklungsländern mit ihrer Infrastruktur und aufgrund ihrer klimatischen Bedingungen ist der Einsatz erneuerbarer Energien wie der Sonne, dem Wind, dem Wasser und der Biomasse eine interessante Alternative.

In unseren entwickelten Industriestaaten wird die Brennstoffzelle an Bedeutung gewinnen und dezentrale Energieversorgung ermöglichen. Große Unternehmen wie Siemens forschen seit mehr als einem Jahrzehnt an den wirtschaftlichen Einsatzmöglichkeiten dieser Technologie. Auch im Bereich Verkehr wird diese Technik ihre Zukunft haben, in Anbetracht der steigenden Ölpreise eine vielleicht attraktive Alternative für den Verbraucher. Aber es gibt nicht nur wirtschaftliche Gründe, denken Sie nur an die CO2 Emissionen!

Die Klimakonferenzen der letzten Jahre haben gezeigt, daß es Handlungsbedarf gibt. Die Kyoto Ziele zur Reduktion der CO2 Emissionen sind Ihnen sicherlich bekannt. CO2 Effekte in ihren globalen Auswirkungen sind von allen - der ganzen Welt - zu tragen und damit ein Thema heutiger und zukünftiger Umweltpolitik geworden.

Es liegt an den Politikern, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen und deren Umsetzung voranzutreiben. Und an uns Technikern liegt es, an neuen effizienten Lösungen auf neuen Gebieten, aber auch für bestehende, traditionelle Technik weltweit zu arbeiten. Sie sehen, verehrte Absolventen, die Herausforderungen, die auf Sie warten, sind groß und bedeutsam. Wir, und damit meine ich nicht nur die internationale Wirtschaft, sondern die Gesellschaft, brauchen Sie, Ihren Erfolg!

Nun, was macht es aus, um erfolgreich das erworbene Wissen einzusetzen, Erfolg zu haben?
Erlauben Sie mir, Ihnen aus meiner schon etwas längeren Berufserfahrung einige Gedanken mitzugeben, die für den Erfolg des beruflichen Handelns entscheidend sein können:
  • Gestalten Sie Ihren beruflichen Werdegang aktiv!
  • Bewahren Sie immer den Überblick und sehen Sie die Einzelaktivität im großen Zusammenhang! Lassen Sie sich in Ihrem künftigen Berufsleben nicht ganz von der Tagesroutine vereinnahmen!
  • Lernen Sie, Ideen gut zu vermitteln und zu präsentieren!
  • Treffen Sie Entscheidungen, auch ohne alles zu wissen - oft ist es besser, überhaupt eine Entscheidung zu treffen als gar keine!
  • Bauen Sie sich im beruflichen und privaten Umfeld Netzwerke auf!
  • Gehen Sie davon aus, daß es keine Feinde für Sie gibt, nur anders Denkende!
  • Erweitern Sie permanent Ihr Wissen und sammeln Sie Erfahrung, wenn möglich, auch im Ausland!
  • Erkennen und anerkennen Sie die Grenzen Ihres eigenen Wissens, befragen Sie Experten!
  • Und last but not least sagt Johann Wolfgang von Goethe:
"Es ist nicht genug, zu wissen, man muß es auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muß es auch tun". Damit sollte Ihrem Erfolg nichts im Wege stehen.
Ich wünsche Ihnen für Ihren Lebensweg alles Gute!