Festrede von Herrn Direktor Dipl.-Ing. Dr. Armin Seidl anläßlich Sponsionsfeier Technische Universität Graz

Spectabilitas, Sehr geehrte Herren Professoren,
werte Festgäste, liebe junge Kolleginnen und Kollegen!

Der heutige Tag ist für uns alle ein Grund zu großer Freude. Für Sie, die jungen Absolventen, weil heute mit der Überreichung der Sponsionsurkunden der erfolgreiche Abschluss eines jahrelangen und sicher auch mühevollen Studiums dokumentiert wird, für Ihre Eltern und Familien, die stolz auf Ihren Erfolg sein können, für Ihre Lehrer, die mit dem heutigen Tag ebenfalls ein Erfolgserlebnis verbinden werden und für mich, weil ich die Ehre habe, zu diesem Anlass ein paar Worte sagen zu dürfen. Mir ist das eine besondere Freude, weil ich ja selbst einmal vor nicht all zu langer Zeit - es sind etwa 35 Jahre, die sehr schnell vergangen sind - in der glücklichen Situation war, in der Sie sich heute befinden.

Sie haben in den vergangenen Jahren eine profunde Ausbildung erhalten, Sie waren begleitet von Lehrern, die nicht nur als Wissenschaftler im Elfenbeinturm verharren, sondern die zum Teil selbst Industrieerfahrung haben bzw. enge Kontakte zur Industrie pflegen. Das garantiert, dass Ihre Ausbildung bei aller Wahrung des wissenschaftlichen Niveaus auch unter Bezug auf die Praxis erfolgt ist, sodass Sie für Ihre künftige Tätigkeit eine ausgezeichnete fachlich-wissenschaftliche Grundlage besitzen. Es mag sein, dass der eine oder andere von Ihnen die Hochschullaufbahn fortsetzen wird, der größere Teil wird wahrscheinlich jedoch in die Wirtschaft, in die Industrie abwandern, um dort nicht nur berufliche Erfüllung zu finden, sondern ganz schlicht und einfach einen Job anzutreten, der ein Einkommen sichern soll, das der hohen Qualifikation entsprechen sollte und der auch Möglichkeiten für ein berufliches Weiterkommen eröffnet. Das wird nicht immer ganz einfach sein, da die akademische Ausbildung und die berufliche Praxis zwei verschiedene Welten sind, die sich für Sie möglicherweise sogar als Kulturbruch darstellen werden.

Wie sieht diese Welt aus, in die Sie eintreten werden? Ich möchte hier gar nicht die derzeit etwas schwierige wirtschaftliche Situation in der Industrie ansprechen, das Auf und Ab der Konjunkur wird es immer geben. Was ich erwähnen möchte, betrifft die Position des Technikers in unserer Gesellschaft im allgemeinen Sinn. Hier hat sich in den letzten Jahrzehnten ein Wertewandel ergeben, der leider nicht zugunsten des Technikers ausfiel. Es ist absurd, dass in unserer stark von Technik dominierten Gesellschaft das Ansehen des Technikers selbst eher gesunken ist. Technik hat einfach zu funktionieren, die dahinter stehende Fachkompetenz derer, die dafür sorgen, dass alles funktioniert, findet in der Gesellschaft interessanterweise keine so hohe Anerkennung, wie sie dem Stellenwert der Technik heute entsprechen würde. Weniger technische Katastrophen oder Pannen sind es, die dafür den Grund darstellen. Aus meiner Sicht ist es vielmehr die im Sinne der fortschreitenden Globalisierung und zunehmenden Shareholder-Value-Philosophie stark gestiegene Bedeutung von Kaufleuten und Juristen. Die wahren Zentren der Entscheidungsfindungen befinden sich in diesen Sphären und nicht in jenen der Techniker.

Die Philosophie der beinharten Gewinnmaximierung in der gesamten Wirtschaft führt heute nicht nur zu erbarmungslosem Stellenabbau, auch ich erlebe das derzeit in unserer Branche, sondern führt auch dazu, dass Forschung und Entwicklung im industriellen Bereich immer weniger finanzierbar sind. Nur noch einige Große können sich bedeutende Entwicklungsabteilungen leisten, in Österreich sieht es auf diesem Gebiet eher traurig aus.

Wie kann ein junger Techniker, der in dieses Umfeld eintritt, Strategien entwickeln, die ihm nicht nur sein wirtschaftliches Auskommen garantieren, sondern auch ein berufliches Weiterkommen ermöglichen? Gejammer über die unerfreuliche Situation und Resignation wären sicher der falsche Ansatz. Es ist vielmehr für junge Techniker eine große Chance vorhanden. Es gibt sicher keine Patentrezepte, die garantiert zum Erfolg führen. Auch eine Karriereleiter wird für Sie nicht aufgestellt sein, wenn Sie in das Berufsleben eintreten. Der Anfang Ihrer Tätigkeit wird sicher in den meisten Fällen fachbezogen sein, man will Ihre hervorragende Ausbildung nützen und Sie werden Ihre Fachkenntnisse, die für die speziellen Aufgaben, die auf Sie zukommen werden, sicher nur eine Grundlage bilden werden, gut brauchen können. Damit ist aber klar, dass der Lernprozess, den Sie jetzt hinter sich zu haben glauben, fortgesetzt werden muss. In diesem Sinne stellt auch der heutige Tag keinen Abschluss dar, sondern nur einen Meilenstein in einem permanenten Bildungsprozess, dem Sie sich aussetzen müssen, um mithalten zu können.

Die Entscheidung, in welche Richtung es beruflich weiter gehen wird, fällt dann etwas später. Managementaufgaben werden in den Vordergrund treten, organisatorische Begabung und Talent zur Menschenführung werden Bedeutung gewinnen. Die Alternative wäre die reine Spezialistenlaufbahn, die in einem Unternehmen durchaus Anerkennung finden kann, allerdings muss man sich in diesem Falle klar darüber sein, dass eine solche Entwicklung zwar große persönliche Befriedigung und Freude im Beruf bringen kann, ein Aufstieg in der Firmenhierarchie jedoch damit kaum verbunden sein wird.

Es ist meine persönliche Erfahrung, dass sich der fachliche Tiefgang und die Detailkenntnis von technischen Zusammenhängen bei einer Führungskraft verkehrt proportional zum Aufstieg im Firmenmanagement verhalten. Im Zuge eines solchen Aufstieges fragt man sich als Techniker dann manchmal, ob das technische Rüstzeug, das man sich in mühevollen Studienjahren erworben hat, nicht überhaupt vergessen werden kann. Diesem Gedanken möchte ich auf jeden Fall entgegen treten. Genau diese Grundkenntnisse sind die Chance des Technikers in einem von anderen Wirtschaftsinteressen dominierten Umfeld. Der Techniker wird auch im Spitzenmanagement immer seinen Platz haben, gerade aufgrund seiner technischen Basis, die auch im kaufmännischen Umfeld gefragt ist. Es muss dem Techniker aber klar sein, dass der permanente Lernprozess sich im Laufe einer Managementtätigkeit erweitern muss. Die Weiterbildung muss sich auf kaufmännisch-juristische Bereiche ausdehnen. Es sind das in erster Linie

  • Kaufmännische Grundkenntnisse, vor allem im Controllingbereich
  • Juristische Grundkenntnisse (Vertragswesen, Arbeitsrecht, Arbeitssicherheit, Managerverantwortung, usw.)
  • Sprachen

Gerade der letzte Punkt gewinnt im Zuge der Globalisierung vermehrte Bedeutung. Die Beherrschung der englischen Sprache ist heute ohnehin schon Selbstverständlichkeit im internationalen Geschäftsleben. Darüber hinaus ist sicher eine zusätzliche Sprache von Nutzen.

Weitere Bedingungen, um im heutigen Wirtschaftsleben bestehen zu können, sind Flexibilität und Mobilität. Nicht nur im geistigen Sinne sind diese beiden Begriffe Bedingungen für Erfolg, sondern auch im körperlichen Sinn. Keiner kann damit rechnen, sein gesamtes Berufsleben an einem bestimmten Ort zu verbringen. Es ist sicher keine falsche Verallgemeinerung, wenn man feststellt, dass ein berufliches Weiterkommen jedenfalls auch mit der Bereitschaft verbunden ist, seinen Standort zu wechseln und auch neue Aufgaben zu übernehmen.

Ich stehe heute am Ende meiner beruflichen Laufbahn und Sie dürfen mir glauben, dass meine Ausführungen auf persönlicher Erfahrung beruhen. Ich hatte ein erfülltes Berufsleben, das mir viele verschiedene Aufgaben, allerdings in einer einzigen Branche, auferlegt hat. Ich bin allerdings weit davon entfernt, jungen Kolleginnen und Kollegen gute Lehren zu erteilen. Auch ich hätte vieles noch besser machen können und jeder muss sich dessen bewusst sein, dass Karriere nicht nur ein Ergebnis von Fleiß und fachlicher Fähigkeit ist, sondern auch eine gehörige Portion Glück und Zufall dazu gehört. Ich glaube aber, dass Sie auch im heutigen, für den Techniker schwieriger gewordenen Umfeld mit Freude und Optimismus an die auf Sie zukommenden Aufgaben herantreten können. Das Rüstzeug dafür haben Sie, nun brechen Sie auf zu neuen Ufern und meine besten Wünsche begleiten Sie daz