Rede zur Sponsion an der TU Graz, Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik,
01. Februar 2001, 11.00
Senator h.c. DI Dr. Helmut Stärker, Direktor des ÖVE

Spektabilis, ich danke für Ihre Vorstellung und der Fakultät bzw. der TU Graz für die Einladung, heute zu den Absolventinnen und Absolventen sprechen zu dürfen. Es freut mich, daß heute 2 Damen dabei sind, die erkannt haben, daß ein technisches Studium kein geschlechtgebundenes Studium ist, eigentlich sollte man sie bitten in die Mitteschulen hinauszugehen um dort dafür zu sorgen, daß mehr Mädchen an den TU´s inskripieren.
Geehrte Festversammlung, liebe Kolleginnen und Kollegen !

Diese Sponsion, Ihre Sponsion, die Sie soeben erleben, ist einer der ganz großen Augenblicke in Ihrem Leben. Der Weg bis zum Ziel ist gegangen, liegt hinter Ihnen. Dieses Ziel, die akademische Graduierung, lohnt den Weg.

Sie, und nicht nur Sie sind bewegt. Mit Ihnen freuen sich viele, die einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet haben, daß wir diesen Augenblick gemeinsam erleben und feiern können. Mit Ihnen fühlen Ihre Eltern, Ihre Verwandten und auch Ihre Lehrer. An Sie alle darf ich stellvertretend meinen Dank richten und Sie hier auch herzlich begrüßen. Deren Beitrag, meine Damen und Herren, war größer als Sie derzeit annehmen, das werden Sie verstehen, wenn Sie in einer für Sie noch weit entfernten Zukunft ins Auditorium gerückt sind.

Sie haben trotz der derzeitigen Trends, Technik-Kritik und Technikfeindlichkeit sind heute weit verbreitet, besonders bei den AHS-Lehrern, ein technisches Studium ergriffen. Nun, Naturwissenschaften sind nicht überflüssig. Es ist nur leicht, in guten Zeiten wie diesen - wir sind alle satt, wir haben es warm und uns stehen sämtliche technische Errungenschaften durchwegs preiswert zur Verfügung - gegen die Technik zu sein. Wie sähe es aus, wenn wir im Winter frören, kein elektrisches Licht hätten. Die frischen Erdbeeren zu Weihnachten sollten auch zum Nachdenken anregen, denn unsere Errungenschaften sind letztlich leicht zu verletzen.

Ihr Weg war lang, hart und war nicht leicht zu begehen. Viel Ungemach, Mühe, Angst, aber gerade dadurch auch Freude haben Sie erlebt. Unterschätzen Sie bitte nicht die positiven Aspekte, die in manchen Härten, die man hinter sich bringt, für den weiteren Lebensweg enthalten sind. Alles zusammen hat Sie geformt. Diese Aussage ist mir sehr wichtig, denn die Funktion des Studiums ist eine vielfältige. Es bereitet auf die fachlichen Probleme vor, die Sie in Zukunft lösen sollen, das natürlich in erster Linie. Aber die Anforderungen der Zukunft sind vielfältig, sind breit gefächert. Das reine Fachwissen wird zu wenig sein. Noch erkennen Sie vielleicht nicht, mit welchen Tricks so mancher Lehrer versucht hat, Ihnen neben dem fachlichen Wissen auch anderes, lebensnahes Wissen zu vermitteln. Die besten Lehrer sind wahrscheinlich jene, die Sie hart gefordert haben und auf die Sie derzeit ein wenig böse sind; in einigen Jahren wird sich diese Anschauung wahrscheinlich ändern.

Das Leben wird auf Sie einstürmen, Sie werden einen Posten antreten, das ist heute wieder leicht und es wird keine Probleme geben.

Schätzen Sie sich selbst ein und beurteilen Sie sich selbst, holen Sie die Meinung von Menschen ein, die Ihnen gut gesinnt sind, von denen Sie Kritik und Ratschläge annehmen ohne daß es im Moment noch zu weh tut. Seien Sie realistisch und bleiben Sie das Ihr Leben lang.
Vergleichen Sie dieses Profil, das Sie von sich selbst erarbeitet haben mit den Anforderungsprofilen, die jene Bereiche kennzeichnen, in die Sie gerne beruflich einsteigen würden. Was können Sie bieten, was wird wo gefordert - wo passen Sie am besten hin?

Der Arbeitsmarkt ist ein freier Markt mit allen Konsequenzen. Andererseits aber, Ihr Wissen ist hoch und Sie können etwas anbieten, Sie müssen sich aber mit Ihrem Arbeitgeber zusammenfinden. Ein Dienstverhältnis ist ein Geschäft. Es soll für beide Seiten Vorteile bringen. Nur gemeinsam mit Ihrem Dienstgeber können Sie reüssieren.

Natürlich sollten Sie auch am Beginn Ihrer Karriere ein wenig wandern. Lehrjahre sind Wanderjahre und umgekehrt gilt das genauso, wenn man die Augen offen hält und für alles Neue aufnahmebereit ist. Hören Sie aber rechtzeitig zu wandern auf. Wandern am Beginn des Lebensweges heißt nicht, daß man insgesamt ein unstetes Berufsleben führen soll. Umgekehrt aber bitte - das Lernen hat mit dem Ende der Wanderjahre nicht aufzuhören. Lernen werden Sie, genauso wie wir es machen und schon unsere Vorgänger machten, Ihr Leben lang.
Lebenslanges Lernen ist nur ein neues Schlagwort, aber keine neue Erscheinung.

Zum Studium der Elektrotechnik:
Es ist ein schwieriges Fach, es ist anerkannt und der hohe Wissensstand ebenso. Es ist ein Fach, das die letzten 100 Jahre der Menschheit entscheidend mitgeprägt hat und heute ist es dominant. Elektrotechniker beherrschen eine Energieform, die kulturtragend ist und die über alle Bereiche hinweg unser Leben beeinflußt. Die elektrische Energie - über alle Zehnerpotenzen hinweg - begleitet Sie den ganzen Tag. Als Absolvent dieses, unseres Studiums sind Sie aufgefordert, die Entwicklung weiterzutragen, mitzuwirken am Weg der Menschheit und der Technik in die Zukunft. Gerade in unserer bereits sehr kurzlebigen Zeit, die wohl noch kurzlebiger werden wird, können Sie in verschiedensten Bereichen ganz wesentlich mitwirken.
Mit dem Abschluß des Studium gehören Sie einer Elite an. Es wäre schön, wenn sie auch dem Absolventenverein, den wir nicht grundlos ELITE genannt haben, angehören würden.
Es gibt Eliten, die sich zu sehr auf die Sicherung von Privilegien und Interessen und auf die Abschottung ihrer Kompetenzen nach außen konzentrieren. Das sind aber nicht die Eliten, die ich meine. Meine Vorstellung von einer Elite ist, daß sie sich durch Kompetenz und Wissen auszeichnet, aber auch dadurch, ein besonderes Maß an Verantwortung zu tragen. Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern Verantwortung jenseits des eigenen Tellerrandes.
Sie kommen in eine dynamische Entwicklung hinein. Gerade in Zeiten des Wandels ist es wichtig, dies scheinbaren Paradoxa als Teil unserer Welt zu verstehen und mit ihnen umgehen zu lernen. Widersprüche, und seien sie auch nur scheinbar, erzeugen Verunsicherung. Diese Verunsicherung zu nehmen und die Wege aufzuzeigen, die weder in das eine noch in das andere Extrem führen, das ist übrigens auch ein wichtiger Bestandteil von Leadership.
Auch möchte ich Sie davon überzeugen, daß die notwendige Hinwendung zum Neuen und auch Anderem keine Bürde, sondern etwas sehr Spannendes ist. Wir alle wissen, daß der Österreicher mitunter dazu neigt, Veränderungen zuerst als Bedrohung und erst viel später als Chance zu begreifen. In dieser Hinsicht fordere ich Sie auf, keine Österreicher zu sein. Angst vor Veränderungen schafft Raum für Demagogen. Hier wird daher von Ihnen mit Recht eine vorbildhafte Geisteshaltung erwartet - im Sinne von Leadership.

Und bitte beachten Sie: Der Teil der Zeitachse, den Sie beeinflussen können, ist jener, der Zukunft heißt. Die Zukunft ist aber nicht die Fortführung der Vergangenheit. Kein Unternehmen auf der Welt, und sei es noch so erfolgreich und noch so angesehen, hat die Garantie, mit den Strategien des Heute die Anforderungen des Morgen bewältigen zu können. Ich stelle die These in den Raum, daß nur der, der in der Lage ist, auch sich selbst in Frage zu stellen, in Zeiten rasanter Veränderungen überlebensfähig ist.

Ein aktueller Begriff ist auch die Globalisierung, ein Phänomen, zu dem es ebensoviele Meinungen wie Wortmeldungen gibt. Für die einen ist die Globalisierung die Ursache für Arbeitslosigkeit, Naturzerstörung, Gefährdung von Ökonomie und Demokratie. Für die anderen bedeutet Globalisierung ein Sinken der Produktionskosten, Abbau von Arbeitslosigkeit, Vermehrung des globalen Wohlstandes und weltweite Demokratisierung. Wie weit hier die Meinungen auseinandergehen, zeigen die Vorfälle rund um die letzte WTO-Konferenzen, wie Sie auch immer die Situation politisch sehen - für ihren Beruf ist es Realität uns sie müssen lernen, mit Realitäten umzugehen.

Nun einige Kernsätze:

  • Ruhen Sie sich niemals aus. Das ist für ihren Geist und ihren Posten nicht gut.
  • Weiterbildung brauchen Sie sowohl fachspezifisch als auch fachübergreifend. Vernetzt, interdisziplinär, fakultätsübergreifend denken ist ein Stichwort für die Zukunft. Arbeiten Sie hier weiter an sich. Jus, Kaufmännisches Wissen, Sprachen, alles ist gefragt, alles braucht ein Manager.
  • Vor allem braucht es Ihren Willen, Ihren persönlichen Einsatz. Innovationsbereitschaft für sich selbst und für den Betrieb ist gefragt.
  • Versuchen Sie selbst etwas zu verändern. Rückwirkungen auf das bestehende System sind gefragt. Diese Chancen vermittelt vor allem das österreichische Bildungssystem. Schließlich könnte einer von Ihnen ja auch Universitätsprofessor werden und es wäre nicht schlecht, wenn er hier dann auch seine Chancen nutzt.
  • Halten Sie Ihr Wissen aktuell und geben Sie den aktuellen Stand auch weiter. Haben Sie keine Scheu, zur Feder zu greifen, wie immer diese Feder auch aussieht. "Online sein" heißt letztlich: publizieren. Dazu haben wir die e&i, aber auch eine virtuelle Zeitung im Internet.
  • Versuchen Sie, enge Denkmechanismen, schematische Ansätze zu vermeiden. Helfen Sie Österreich aus diesem Käfig heraus. Ganz egal wo Sie beschäftigt sein werden. Wir leiden in Österreich noch immer daran, daß wir zu einem klaren Ja oder Nein nur sehr selten fähig sind. Ganz egal wo Sie beschäftigt sein werden, nicht jeder ist zum Manager geboren, aber versuchen Sie einer vernünftigen und dynamischen Entwicklung nicht im Weg zu stehen. Als negatives Stichwort nenne ich hier (leider noch immer) nur unsere Genehmigungsverfahren.
  • Suchen Sie sich ein Sprachrohr. Wir haben gegen die Technik-Skeptiker und Technik-Gegner anzukämpfen. Es geht um den Ruf unseres Standes und um den Weg in die Zukunft. Vieles ist diskutierbar, aber es ist klar, daß ein weiterer, akzeptabler Weg der Menschheit nur mit Technik zu bewältigen ist. Ansonsten wäre es ein Weg ins Chaos. Der Techniker versteht es noch immer nicht, seine überragenden Leistungen entsprechend zu verkaufen. Eine technische Lösung ist immer mühsam errungen. Es ist viel einfacher, selbst Regelwerke zu definieren und diese als das Non-plus-Ultra darzustellen. Es ist auch einfach, diese Regeln zu ändern, wenn sich das System nicht mehr ausgeht. Das aber wird klugerweise als neue Leistung dargestellt. Diese Freuden, nämlich der Selbsterstellung und der leichten Korrigierbarkeit, macht uns das physikalische System leider nicht. Also tun wir nicht so, als ob alles so einfach wäre. Als Personifizierung des ÖVE kann ich natürlich nicht umhin, den ÖVE als Plattform anzubieten.
  • Hören Sie nie auf, anzufangen - aber fangen Sie nie an, aufzuhören.
  • Die Fähigkeit, Mißerfolge wegzustecken, ist ein Schlüssel zum Erfolg. Mit anderen Worten: Glück hat auf die Dauer nur der Tüchtige.
  • Freuen Sie sich über ihren Erfolg, seien Sie stolz, aber - seien Sie nicht überheblich.
  • Bereiten Sie sich auf eine Mitarbeit in einer Gesellschaft vor, die einem enorm raschen Wandel unterworfen ist. Denken Sie an die Veränderungen in den letzten 50 Jahren und in den letzen 10 Jahren, diese Dynamik wird aber noch zunehmen.
  • Vergessen Sie nicht, daß in der Wirtschaft nur der Erfolg zählt. Nur der Beste bekommt den Auftrag. Aber das ist eine spannende Herausforderung und macht Spaß!
  • Seien Sie initiativ, gestalten Sie ihr Leben, ihr Berufsleben selbst, Sie werden Anerkennung finden.
  • Lösen Sie die Schwierigkeiten, die sich im Berufsleben in großer Zahl finden. Zusammen mit der Initiative wird sich ein dynamischer, erfolgreicher Lebensweg ergeben.
  • Scheuen Sie sich nicht, Führungsaufgaben zu übernehmen - dazu sind Sie ausgebildet. Beachten Sie dabei, daß Rechte auch Pflichten bringen!
  • Schauen sie mit offenen Augen in die Welt und bilden Sie sich eine eigene Meinung - und vertreten sie diese auch.
  • Agieren Sie dynamisch und so, daß Sie alle zusammen in 30 Jahren sagen können: " Wir waren - und sind - der Jugend ein Vorbild". - denn irgendeiner von Ihnen wird in 30 Jahren hier heroben stehen und eine Sponsionsrede halten.
Damit meine Herren (und Damen) Diplomingenieure, entlasse ich Sie auf ihren Lebensweg mit den besten Wünschen und dem schon uralten, inhaltsschweren Gruß, der Generationen von jungen Technikern auf mitgegeben wurde: Glück auf.